Da wohnt ein Sehnen – LARP und Gottes Friede

Wer nach einer Definition für Rassismus sucht, wird selten nur eine finden. Rassismen, Ausländerfeindlichkeit oder Fremdenfeindlichkeit geben sich da die Klinke in die Hand. Alle Definitionen greifen jedoch für das Themengebiet LARP nicht, da wir es hier nicht nur mit Menschen zu tun haben. Greifen sie wirklich zu kurz?

Ich erlebe im LARP oft, wie sich tolerante, sozial kompetente Menschen in (aus meiner Sicht) rassistische Arschlöcher verwandeln und alle anderen tolerieren es. Die liebsten Feindbilder sind dabei: Orks, Goblins und Dunkelelfen. Alles drei sogenannte nichtmenschliche „Rassen“. (Zum Kotzen der Begriff.) Man könnte meinen, diese Fantansy-Völker hätten nichts mit Menschen gemeinsam. Doch kommen in Fantasy-Welten durchaus Vermischungen vor: Der Halbriese Hagrid im Harry Potter-Universum, die Halborkin Gora im Wow-Universum oder Tanis Halbelf im Drachenlanzen-Universum. Mit schöner Regelmäßigkeit werden die Angehörigen dieser „Rassen“ nur aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu eben dieser Rasse denunziert, verfolgt, verachtet und abgeschlachtet.

Muss ich wirklich mehr sagen, warum mir da der Begriff „Rassismus“ in den Sinn kommt?

„Wir können nur das spielen, was wir kennen.“ Eine traurige Wahrheit? Wir vereinfachen im LARP die Welt an so vielen Stellen. Gut und Böse sind (vermeintlich) klar zu trennen. Strahlende Helden und fiese Bösewichte treffen aufeinander. Das Rechtssystem ist schnell und klar: Du begehst ein Verbrechen und wirst per Selbstjustiz eliminiert. Richter, Ankläger und Henker in einer Person (Judge Dredd lässt grüßen) ist ein gängiges Muster. Hier werden Selbstjustiz und Rassismen reproduziert, selten hinterfragt und noch seltener geahndet. Wollen wir so etwas spielen?

Können wir wirklich nur das spielen, was wir kennen? Ich will diese einfache Aussage hinterfragen. Wer kennt denn schon Orks oder Goblins? Habt ihr jemals mit einem Kaffee getrunken? Können wir nicht auch das spielen, was wir träumen und erhoffen? Sind wir nicht in einer Welt unterwegs, die aus Phantasie besteht?

Wie wäre das, wir würden mal für ein Wochenende Frieden spielen? Frieden, wie Gott ihn für uns Menschen vorsieht und den wir in der Realität an so vielen Stellen schmerzlich vermissen. Ohne Neid, ohne Missgunst, ohne Ausgrenzung.

Können wir das? Und wäre das Spiel dann noch aufregend genug? Wie sähe ein Plot aus?

Manchmal gibt es sie, die Ambiente Cons, die ohne klar erkennbaren Plot daherkommen. Auf denen Kinder, dreckig wie nichts Gutes und glücklich bis über beide Ohren, barfuß durch den Matsch springen. Auf denen Erwachsene sich gegenseitig in alten Handwerkskünsten unterrichten und sich selbstlos helfen. Auf denen erwachsene Männer nach dem Mittagsschlaf zusammen im Schatten sitzen und Karten spielen.

Wie wäre das, ein Wochenende Frieden?

Ich kann vieles an den Pforten eines LARPs zurücklassen: mein Handy, meine in Bangladesch gefertigte Kleidung und meinen Sinn für Hygiene. Was ich nicht zurücklassen kann, will oder werde, ist eine tiefe Sehnsucht nach Frieden.

„Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ textet Eugen Ecker, und weiter „um Frieden, um Freiheit, um Hoffnung bitten wir.“

Ohne diese Hoffnung wäre ich kein Mensch. Und so sehe ich es kritisch, wenn wir im Rollenspiel immer noch von „Rassen“ sprechen, als ob es sie geben würde.

Ich wünsche mir für uns alle mehr Mut zu neuen Wegen, auch im LARP.