Glaube und Gerüst

eine Andacht von David Rasch

Ich spiele gerne verschiedene Brett- und Gesellschaftsspiele, und auch Computerspiele mag ich sehr. Und wenn ich spiele, dann kommt es immer auf die richtige Spiel zur richtigen Stimmung an.

Es gibt Zeiten, da möchte ich Spiele haben, die mich eintauchen lassen in eine ganz tiefe Welt: Da müssen die Grafiken im Computerspiel toll sein oder die Figuren auf dem Spielfeld besonders detailliert. Dann muss es mal bunt sein und der Tisch oder der Bildschirm voll.

An anderen Tagen möchte ich es möglichst abstrakt. Manchmal ist Schach dran, manchmal vielleicht auch Gloomhaven und andere Spiele. Manchmal soll es ein Siedler von Catan sein, manchmal This War of Mine, manchmal brauche ich ein einfaches Prügelspiel ohne große Grafikanimationen und manchmal brauche ich ein Rollenspiel, das einfach nur schön ist.

Mir geht es so, dass ich immer wieder merke, wie unterschiedlich meine Bedürfnisse in solchen Sachen sind. Und wenn ich mit Menschen rede und sie auch mal berate, welches Brett- oder Gesellschaftsspiel sie gerne hätten und welches sie vielleicht schenken sollten, dann ist ein Punkt immer herauszufinden: Was brauchen sie? Was brauchen sie gerade jetzt? Denn man braucht für den Spielspaß, den man hat, das richtige Spiel für die richtige Zeit. Ja, ich würde sagen: das richtige Gerüst.

Es gibt Spiele, die funktionieren deshalb gut, weil sie alle Regeln ganz stark runtergebrochen haben. Möglichst einfache Regeln und dazu möglichst schlichtes Spielematerial. Für manche ist das genau das Richtige. Andere, die wollen es opulent. Bei Computerspielen, da kann ihnen die Grafik nicht detailliert genug sein. Da ist es wichtig, dass der Schattenwurf genau realistisch anhand der Tageszeit wiederzusehen ist.

Und wenn der Sound nicht perfekt aus den Lautsprechern dröhnt und irgendwie unrealistisch ist, dann ist alles schon verloren. Da muss man eintauchen können in die Welt. Das neue GTA scheint in die Richtung zu gehen, für ganz viele auf jeden Fall ein Spiel, worauf lang gewartet wird. Die wollen eintauchen. Da will man eintauchen in die Welt, ganz genau hingehen, will man ganz viel Freiheit haben, alles ausprobieren können. Da ist schon das normale Laufen eine Wohltat und muss perfekt animiert sein.

Für andere ist das viel zu viel. Die sagen: Gib mir meinen alten Game Boy zurück, mein Tetris oder noch besser mein Pong. Zwei Striche, ein Ball – reichen. Und manchmal, manchmal ist es im Glauben doch auch so.

Ich will Kirchenglocken hören. Das reicht mir für meinen Glauben. Mehr nicht. Die Kirche, die da steht, mehr brauche ich nicht. Der Nächste sagt: Nein, für meinen Glauben brauche ich ein komplexes Gerüst an Theologie. Ich muss ganz tief einsteigen können, ich muss wissen, um was es geht, gehen könnte. Ich muss die Geschichte von zwei Jahrtausenden dazu haben und dann noch mehr. Der eine sagt: Für meinen Glauben brauche ich Menschen, denen ich meine Geschichten erzählen kann, und Menschen, die mir zuhören. Der Nächste sagt: Für meinen Glauben brauche ich nichts außer die Mitgliedschaft in meinem Ausweis.

Ist es mit Glauben vielleicht so, wie mit Spielen?Manchmal, für manche Zeiten oder auch mancher Typ Mensch, braucht ein großes, starkes, kompliziertes Gerüst, der oder die andere ein leichteres, lichtes, schlichteres Gerüst. Beides ist toll, beides hat seine Zeit.

In diesem Sinne: Ich wünsche Ihnen, ich wünsche euch das richtige Spiel für die richtige Zeit und den richtigen Glauben für die richtige Zeit.

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