Ein nerdiges Projekt zum Jubiläumsjahr 2016

Nie benutzt!

(gekürzte Version eines Gemeindebriefartikels 12/16)
Wenn Nerds sich einbringen …
Ich war ein Bettlaken. Ein Baumwollbettlaken von bester Qualität. Mit allmählich verstärkter Mitte! Jahrzehnte lang hätte man auf mir schlafen können. Gekauft wurde ich irgendwann in den 60-iger Jahren. Ich wurde erst einmal sorgfältig hinten im Schrank verstaut, nicht aus der Packung genommen. Lange lag ich da und wartete darauf, dass ich endlich benutzt würde; stattdessen sah ich in der Reihe vor mir Spannbettbezüge Einzug halten und kommen und gehen. Im Jahr 2015, im Frühjahr, wurde ich endlich aus dem Schrank geholt. Aber statt ausgepackt zu werden, wurde ich mit anderen Bettlaken und Bezügen zusammen in eine Plastiktüte gesteckt und aus dem Haus getragen. Wir fragten uns, ob wir wohl direkt auf die Müllkippe wandern würden, ohne je benutzt worden zu sein. Doch wir trafen mit mehr und mehr Bettwäsche von ähnlicher Qualität, alle nie oder kaum benutzt, zusammen. Gemeinsam wurden wir in einen Kofferraum gestapelt und in die Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde in Dortmund gebracht, wo wir uns mit wirklich vielen weiteren Stoffspenden trafen. Als Bettwäsche wollte uns niemand mehr haben.

Mit uns hatte man etwas ganz anderes vor. Nach und nach kamen Frauen und holten Stapel von uns ab und aus den Gesprächen, die sie führten, erfuhren wir, dass wir zu Kleidung werden sollten. Es war ein großes Jubiläumfest geplant, 500 Jahre Reformation, und für viele Veranstaltungen wollten die Menschen sich gerne in Kleidung gewanden, die in die Zeit passte. 500 Jahre waren wir zwar noch nicht alt, aber unsere gute Qualität und die allmählich verstärkte Mitte gaben uns den richtigen Look um Leinen zu ersetzen, dass viel zu teuer gewesen wäre um für bis zu 50 Leute Kleidung zu nähen. Viele von meinen Kumpels wurden von den Frauen zu Hemden für die Mitarbeiter verarbeitet. Die alten Vorhänge aus Baumwoll-Samt, die gemeinsam mit uns angekommen waren, wurden zu Mänteln und Herrenhüten. Die meisten von uns Bettlaken sollten zu Kleidern und Unterkleidern für Frauen werden. Aus den Resten entstanden Hauben und Mützen.
Einige von uns wurden erst einmal eingefärbt: grün, blau, rot trafen wir uns wieder. Für ein Kleid wurden zwei von uns zu einem weiten glockigen Rock verarbeitet. Ich war in einem dunklen Rotton eingefärbt worden und wurde zusammen mit einem Reststück von einem alten Vorhang für so ein Kleid verwendet.

Das war nun schon eine Menge Aufregung dafür, dass wir die letzten Jahrzehnte alle nur herumgelegen hatten, aber dann ging es erst richtig rund. Wir trafen uns alle wieder am 31. Oktober 2016 in der Petrikirche in Dortmund. Und dann hörte ich zusammen mit über 100 Konfirmandinnen und Konfirmanden zum ersten Mal die Geschichte von Martin Luther und seiner Frau Katharina. Ich erfuhr, was diese Reformation, von der alle redeten, eigentlich gewesen war und warum sie nun so groß gefeiert wurde.

Bettlaken und Vorhänge

Für das Jahr 2017 bekamen wir dann einen eigenen Kalender, im Internet sogar! Denn in Dortmund und Lünen waren viele kleine und große Veranstaltungen rund um das Thema Reformation organisiert und nicht selten wurden dazu einige von uns ausgeliehen, um auch optisch deutlich zu machen: Das alles ist jetzt schon 500 Jahre her.
Im März reisten wir nach Witten-Herbede. Rund um die Schöpfungskirche spielten Leute aus der Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde und aus Witten gemeinsam ein Szenario der Reformationszeit und dafür waren natürlich alle passend gewandet. Da konnte ich meine ersten Outdoor-Erfahrungen machen und roch hinterher kräftig nach Lagerfeuer. Aber zusammen mit einem Wollumhang hatte ich meine Frau Luther trotz der kalten Jahreszeit warm gehalten.

Ab Ende September ging es wirklich rund und meine Verleihkumpels sind kaum gewaschen, schon immer wieder unterwegs gewesen. Wir waren noch mal bei den Lutherspielen für Konfirmandinnen und Konfirmanden und diesmal waren über 300 Leute in der St. Petrikirche.
Am Tag des  großen Finale am 31. Oktober waren wir ganz schön gefragt. Vom „Mittelaltermarkt“  mit dem in St. Reinoldi die Reformation gefeiert wurde bis zum Luthermahl in Paul-Gerhardt mit Renaissance-Musikern und Gesinde des Lutherhaushaltes – wir haben sie alle bekleidet.

Das war ein wirklich schöner Tag für alle von uns und ein würdiger Abschluss für unsere Aufgabe.

Nun sind wir erst einmal auf den Dachboden des alten Pfarrhauses gezogen.
Aber da sollen sie nicht auf Dauer bleiben. Wir haben schon zu viele Jahre unbenutzt in Schränken herumgelegen und wir hatten so viel Spaß dabei, das Jubiläumsjahr noch ein bisschen bunter und anschaulicher zu machen. In Zukunft wird man meine Kumpels darum gegen eine kleine Leihgebühr und eine Wäsche ausleihen können.
Ich wandere jetzt erst einmal in den Kleiderschrank von meiner Frau Luther. Da bin ich in guter Gesellschaft. Neben den Empirekleidern und Fantasygewändern, die da schon hängen, wird es nicht langweilig, weil jeder spannende Geschichten zu erzählen hat – so wie ich jetzt auch!
Und im Sommer werde ich sicher auch einmal wieder mitgenommen, auf Mittelaltermärkte und Fantasy-Live-Rollenspiele. Etwas Besseres kann so einem alten Bettlaken doch kaum passieren.

Wer jetzt noch nicht genug hat findet den kompletten Artikel hier: https://paul-gerhardt-dortmund.ekvw.de/ Einblicke 4/2017

Die Kostüme sind nach wie vor ausgleichbar.

Die Lutherspiele werden auf dem DEKT 2019 noch einmal im Zentrum Jugend angeboten.
Ich möchte mich noch einmal ausdrücklich bedanken für alle Unterstützung, die ich bekommen habe: Stoffspenden, Näharbeit, waschen, bügeln, reparieren. Insbesondere Maike Brodde (Vorsitzende des Synodalverbands Dortmund der evangelischen Frauenhilfe e. V.), unsere Küsterin Sabine Burow und die Kreative Gemeinde haben dieses Projekt erst möglich gemacht.
Natascha Luther

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