Der Papst, ein Nerd?

Der Papst, ein Nerd?

Eine Ikone. Links steht der Papst, rechte Gandals (Herr der Ringe) im Hintergrund der Mainzer Dom

von Malte, Lukas und Leo XIV

Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass mir als evangelischer Christ sowas nicht oft passiert. Das mir ein Zitat des Papstes über den Weg läuft, das mich dazu verleitet, in eine Enzyklika zu schauen. Aber wenn der Papst darin Gandalf zitiert, naja, dann muss ich doch mal reinschauen. Für uns alle hier der vollständige Absatz aus der Enzyklika „Magnifica Humanitas“.

„Magnifica Humanitas“ ist die erste Enzyklika von Papst Leo XIV., die den Schutz des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz thematisiert und die Soziallehre der Kirche auf die digitale Gegenwart anwendet.

Wir alle können unseren Beitrag leisten

212. An dieser Stelle schleicht sich jedoch eine subtile Versuchung ein: zu denken, dass die Probleme zu groß und wir zu klein sind und dass unsere Entscheidungen daher nichts ändern werden. Es ist eine elegante Form der Kapitulation, die oft als Realismus getarnt ist. Sicherlich haben nicht alle den gleichen Einfluss auf die Wirklichkeit: Es gibt jene, die regieren, die über Investitionen entscheiden, die Institutionen leiten, jene, die forschen, die erziehen, die informieren, die produzieren; und es gibt jene, die anscheinend bloß ihr tägliches Leben führen. Doch niemand ist ohne Verantwortung. Alle verfügen über einen eigenen Handlungsbereich, und genau dort – nirgendwo anders – sind wir aufgerufen, zu entscheiden, ob wir die Logik der Stärke nähren (und sei es nur durch Gleichgültigkeit, Zynismus, Lüge oder Hass) oder die Logik des Friedens hochhalten (mit Wahrheit, Besonnenheit, Nähe und Fürsorge).

213. Ein katholischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, John Ronald Reuel Tolkien, hat unsere Verantwortung mittels der Worte einer seiner Figuren wie folgt beschrieben: »Doch unsere Sache ist es nicht, die Welt durch alle Zeiten zu steuern, sondern in den Jahren, auf die wir beschränkt sind, zu tun, was wir können, um das Übel auf den uns bekannten Feldern auszujäten, damit jene, die nach uns kommen, einen guten Boden vorfinden.«* Die Zivilisation der Liebe entsteht nicht aus einer einzigen, spektakulären Geste, sondern aus der Summe kleiner und beharrlicher Akte der Treue, die als Bollwerk gegen die Entmenschlichung dienen. Deshalb lohnt es sich, innezuhalten und einige Aspekte zu betrachten, wie wir, ein jeder in seinem eigenen Bereich, an ihrem Aufbau mitwirken können. Ohne den Anspruch zu erheben, das Thema erschöpfend zu behandeln, schlage ich fünf Ansätze für die Verantwortung im Alltag und im öffentlichen Leben vor: Worte entwaffnen, Frieden in Gerechtigkeit aufbauen, die Perspektive der Opfer einnehmen, einen gesunden Realismus pflegen, den Dialog und den Multilateralismus wiederbeleben.

* J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe. Bd. 3. Die Wiederkehr des Königs, Stuttgart 2001, 184.

Quelle: Enzyklika von Papst Leo XIV. „Magnifica Humanitas“ (15. Mai 2026)

Ich kann mich dem einfach nur anschließen – und kann auch gut mit einem Tolkien Zitat leben. Da mir aber wenig dazu bekannt ist, wie die Enzyklika sonst rezipiert wird, frage ich mal bei unseren katholischen Geschwistern des Podcasts Nerdchurch an.


Malte: Lukas, wie schaust Du auf das Zitat von Gandalf in einem Text des Papstes?

Lukas: Ich war natürlich erstmal sehr überrascht dieses Zitat in einer Enzyklika zu finden. Im positiven Sinne! Es kommt nicht so häufig vor, dass Gandalf von einem Papst zitiert wird. Klar ist Papst Leo schon vorher mit Merch von seiner Lieblings-Baseball Mannschaft, den Chicago White Sox aufgefallen. Aber, dass er auch in die Fantasy-Welten abtaucht, ist bemerkenswert! Für mich ist dieses Zitat so wunderbar gewählt, nicht nur weil Gandalf immer zitiert werden kann, sondern weil es universal gelesen werden kann: Ich habe nicht alles in der Hand, aber ich habe die Möglichkeit, in meinem Einflusskreis Gutes zu tun, damit es am Ende alle besser haben. Dadurch wirkt es auch nicht aufgesetzt.

Es ist ein Reminder an mich, bei meinen Entscheidungen immer auch die Zukunft im Blick zu haben. Gandalf ist der Charakter, der sich mitunter am meisten für andere einsetzt. Und auch das kann ich von Tolkiens Werk mitnehmen: Eine Hoffnungsperspektive. Es gibt ein gutes Ende, dazu kann ich meinen Teil beitragen und auf ein Eingreifen Gottes hoffen – auch wenn das manchmal im letzten Moment erst kommt. Das ist aus meiner Sicht die „frohe Botschaft“ in Herr der Ringe.

Malte: Da kann ich mich gut anschließen. Durch das Zitat holt der Papst sicher viele christliche Nerds ein wenig ab. Wie wird der Text denn in „katholischen Kreisen“ wahrgenommen?

Lukas: Sehr positiv! Also sowohl die Enzyklika, in der sich Papst Leo gegen eine Überhöhung der Technologie um ihrer selbst Willen wendet und die Menschenwürde betont. Als auch das Tolkien zitiert wird. Das letzte Mal hat das Papst Franziskus in seiner Predigt an Heiligabend 2023 gemacht. Dort hat er einen Brief Tolkiens an seinen Sohn zitiert.

Tolkien wird sehr geschätzt, denn er war ein Katholik, der sich sehr intensiv mit seinem Glauben auseinandergesetzt hat. Für viele katholische Menschen war das wahrscheinlich vorher eher der Anknüpfungspunkt: Die Zeugnisse eines gläubigen Menschen. Ich habe den Eindruck, dass das Zitat dazu geführt hat, dass sich jetzt nochmal mehr mit dem Gesamtwerk Tolkiens auseinandergesetzt wird. Da steckt ja sehr viel Schöpfungsmythologie, christliche Anleihen und vieles mehr drinnen. Das würde aber jetzt den Rahmen sprengen.

Was ich aber auf jeden Fall wahrgenommen habe, dass aus nicht christlichen Kreisen auf Reddit und Co die Reaktionen auch sehr positiv waren. Ich muss sagen, das hat mich sogar noch mehr gefreut! Denn es zeigt, dass die Ansätze der Verantwortung, die Papst Leo benennt, um ein Gegengewicht zu dem Hass, der Gewalt und Spaltung zu setzen, richtig sind: „Worte entwaffnen, Frieden in Gerechtigkeit aufbauen, die Perspektive der Opfer einnehmen, einen gesunden Realismus pflegen, den Dialog und den Multilateralismus wiederbeleben.“ (213)

Malte: Danke dir Lukas, dass Du Dir die Zeit genommen und uns alle ein wenig mitgenommen hast.


Lukas ist Host des Podcast Nerdchurch in Mainz – schaut auf unsere La-Famiglia Seite für mehr Informationen!

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