Stille Zeit? Zum Bibellesen?

Stille Zeit? Zum Bibellesen?

ein Kaffee neben einer Blume auf einem Tisch


„Meine Morgenrutine“ schallt es mir aus Insta entgegen, „endet natürlich mit 30 Minuten für G*tt. Da lese ich in Ruhe und nur für mich die Bibel.“ In einer gestylten Wohnung steht eine junge Frau mit perfektem Makeup und modischem Outfit.

Was als die Mitteilung einer persönlichen Entscheidung daherkommt, wandelt sich unterschwellig zu einem Dogma. Wahre Christen lesen die Bibel. Täglich!


Ehrlich: Zwischen Vollzeitstelle, zwei Kindern, Haushalt mit Garten, Partnerschaft und vielleicht noch einem Hobby kriege ich das nicht unter. Ich bin froh, wenn morgens alles nach Plan läuft und die Kids mit Frühstück und Schulsachen pünktlich in der Schule sind und ich ins Büro komme. Ich zweifle: Bin ich dann überhaupt ein Christ, wenn ich kaum Zeit für Jesus und G*tt in meinem Alltag habe? Vor allem macht mir das ein schlechtes Gewissen.


Kurzer Exkurs, der uns ins Weltall führt: Welche Regeln stellen Kirchen und Religionsgemeinschaften eigentlich für unser Leben auf – und kommen die wirklich immer aus theologischen Überzeugungen? Oder spielen da auch kulturelle Einflüsse eine Rolle?

Die religiöse Praxis der Klingonen beruht in weiten Teilen auf dem Leben von Kahless dem Unvergesslichen. Ihn zeichnete aus, dass er unbesiegbar war. In der Gesellschaft eines durch Krieg und kriegerische Auseinandersetzungen geprägten Volkes spiegelt sich das direkt in der Religion: Herrschen, siegen und machtvoll sein – das sind bei den Klingonen religiöse und kulturelle Werte zugleich.

Macht zu haben und Macht zu erhalten war auch lange in den Kirchen unserer Welt ein leitendes Motiv. Kreuzzüge gegen Andersgläubige, Machterhalt des Klerus gegenüber dem Adel, der Männer gegenüber Frauen – viele dieser Konstellationen wurden kirchengeschichtlich theologisch begründet. Aber waren sie das wirklich? Oder trugen sie vor allem die Handschrift ihrer Zeit und Kultur?

Bis heute lohnt die selbstkritische Frage: Beruhen kirchliche Regelungen – wer wen heiraten darf, was man tun oder lassen muss, um „gerecht“ zu sein – wirklich auf der guten Nachricht? Oder doch eher auf kulturellen Wurzeln, die wir längst hätten hinter uns lassen können?

Eine zentrale Bibelstelle macht aus meiner Sicht sehr deutlich, was Jesus davon hält. In Matthäus 25 erzählt Jesus eine Geschichte: Am Ende der Zeiten wird den Menschen erklärt, wann sie gerecht gelebt haben. Wann sie sich ihm zugewendet haben. Indem sie geholfen haben – den Hungrigen, den Fremden, den Kranken. Und die als „Gerecht“ bezeichneten reagieren überrascht: „Wer, ich? Wann denn das?“ Es geht Jesus dabei nicht ums Regelbefolgen. Was er erwartet, ist eine Hinwendung zu den Menschen am Rande der Gesellschaft, ein Einsetzen für Gerechtigkeit.

In der Volxbibel lautet das: „‚Immer, wenn ihr was für Leute getan habt, die ganz unten waren, die Fertigen und Kaputten, dann habt ihr das im Grunde für mich getan.“ (Mt 25,40) Es geht also nicht um die gestylte Morgenroutine, nicht darum, laut zu trommeln, wie toll ich bin. Es geht darum, diese Welt ein Stück gerechter zu machen.

Dazu zählt für mich ganz persönlich auch, zwei Kindern in dieser Welt Halt zu geben und ihnen von meiner Sehnsucht nach einer besseren Gesellschaft zu erzählen. Das kann für dich aber etwas völlig anderes sein.

Und dann darf ich als Christ am Nachmittag, in den dreißig Minuten zwischen zwei Terminen, im Café in der Sonne sitzen und einfach nur leben – ohne schlechtes Gewissen!

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