Kirchenjahr – gutes Worldbuilding

Kirchenjahr – gutes Worldbuilding

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. 1. Mose 8,22

… sondern hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht! Ps. 1,2

Das Kirchenjahr geht bald zu Ende, denn der kirchliche Kalender funktioniert anders als der moderne Kalender, nach dem sich unser Alltag richtet.

Das Kirchenjahr fängt mit dem 1. Advent an, an dem wir uns daran erinnern, dass Jesus versprochen hat wiederzukommen, und es endet mit dem Ewigkeitssonntag, an dem wir der Verstorbenen gedenken, die wir bei Gott geborgen wissen.

Lieder, die zu bestimmten Festen wie Weihnachten oder Ostern in unseren Kirchen gesungen werden, Bräuche wie der Gottesdienst im Freien zu Himmelfahrt oder der mit Erntegaben gefüllte Bollerwagen, den schon Generationen von KiTa-Kindern in die Kirche gezogen haben, verbinden uns auch emotional mit diesem immer gleich bleibenden Jahresrhythmus. Die wechselnden Farben an Kanzel und Altar signalisieren Festzeiten und Phasen der Buße.

Ein bisschen ist es, als würden wir mit der Kirche eine fremde Welt betreten mit ihren eigenen Regeln und Phänomenen. Wie die Welten, in denen meine geliebten Fantasy- und Science Fiction-Geschichten spielen. Die zeichnen sich in der Regel durch sorgfältiges „Worldbuilding“ aus.

Worldbuilding ist der Prozess des Aufbaus einer imaginären Welt, die manchmal mit einem ganzen fiktiven Universum verbunden ist, mit Eigenschaften wie Geschichte, Geographie und Ökologie. Karten, Historie, Bewohner, Bräuche und sogar Sprachen werden dafür erfunden.

Je ausgearbeiteter die Welt, in die wir in Romanen, Rollenspielen oder visuellen Medien wie Filmen, Videospielen oder Comics eintauchen, desto mehr können wir uns in ihr verlieren, desto mehr fühlen wir uns darin sicher und zuhause.

Autoren wie J.R.R. Tolkien und C.S. Lewis, aber auch Drehbuchautoren wie Gene Roddenberry und seinem Nachfolger im Star Trek-Universum, gelang es, Welten zu erschaffen, die viele Charaktere und Geschichten aufnehmen können, in denen auch Platz ist für Leser und Zuschauer, die sich selbst in diese Welten hineinträumen.

Nun hat sich beim Entstehen des Kirchenjahres nicht eine Person hingesetzt, um eine Parallelwelt zu erfinden mit eigenem Kalender und speziellen Bräuchen und Farben. Es sind Überbleibsel aus früheren Zeiten, die alle irgendwann mal für irgendwen Sinn ergeben haben und total in die reale Welt gepasst haben. Der Buß- und Bettag zum Beispiel war mal ein echter Feiertag. Für die Jüngeren dürfte er mehr und mehr zu einem dieser seltsamen Bräuche und Rituale werden, die in der Kirche gepflegt werden, ohne einen Bezug zum Alltag. Auch die Diskrepanz zwischen dem „draußen“ gefeierten Halloween und dem in den evangelischen Kirchen begangenen Reformationstag wird von vielen Leuten gar nicht mehr wahrgenommen, weil sie nichts vom Reformationstag wissen.

Ein komplexes Worldbuilding kann gleichzeitig attraktiv und abschreckend sein, je nachdem ob jemand Lust hat, sich tief hineinzuknien in eine Welt, in der vieles anders ist als wir es gewöhnt sind, und je nachdem, wie und vom wem uns die „Lore“ dieser fremden Welt vermittelt wird.

Wer schon als Kind den kleinen Hobbit geliebt hat, wird vermutlich als Erwachsener nicht vor dem Simarillion zurückschrecken. Wem schon als Kind biblische Geschichten erzählt wurden, ist vielleicht als Erwachsener offener für dieses seltsame Buch, das die Grundlage für die Regeln unserer kirchlichen Welten bildet.

Ist es gut, dass die kirchliche Realität Geheimnisse birgt, dass man ein bisschen eine andere Welt betritt, wenn man durch eine Kirchentür geht?

Oder ist es eher abschreckend für Neueinsteiger, dass man erst eine neue „Lore“ lernen muss, um kirchliches Leben zu verstehen und mitmachen zu können?

Ist es manchmal ein gutes Gefühl, ein Insider in dieser besonderen Welt zu sein, und es wie unter Harry-Potter-Fans zu genießen, kein „Muggle“ zu sein?

Nutzen wir es eigentlich, dass die Welt der Kirchen ein bisschen anders tickt, indem wir diesen besonderen Zauber des anderen lebendig werden lassen, um damit Menschen einzuladen?