Harry Potter und das verführte Schaf

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen:
So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? 3 Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. 4 Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.

Ezechiel 34, 1-4

Letzten Sonntag war der „Hirten und Schafe“-Sonntag, für den sechs biblische Texte vorgesehen sind, in denen es um die Frage geht, wer ein guter, wer ein schlechter Hirte ist und wie sich Schafe eigentlich verhalten. Nachdem ich dazu zwei Zoom-Andachten gehalten habe, schwirrt das Thema weiter in meinem Kopf herum.

Beim Bild vom Hirten und den Schafen geht es im ersten Testament darum, wie ein guter Anführer sich verhalten sollte. Im Neuen Testament wird das Bild des guten Hirten dann auch verwendet, um Jesus zu beschreiben. Schlechte Hirten haben nur die eigenen Vorteile im Blick, ihnen sind die Schafe als einzelne Wesen total egal, während gute Hirten bereit sind Opfer zu bringen und sich selber zurückzunehmen.
Der gute Hirte war das perfekte Bild um einen sorgsam handelnden Anführer zu beschreiben.
Aber wir wollen natürlich keine dummen Schafe sein, die der Politik uneingeschränkt zustimmen und das ist sicher auch gut so, wenn ich mir unsere Parteienlandschaft und einige Politiker so ansehe.
Von rechten Demagogen verführt, blöken dumme Schafe die Parolen nach, die ihnen eingeimpft werden. In George Orwells Roman „Farm der Tiere“ blöken sie immerfort „Vierbeiner gut – Zweibeiner schlecht“, das ist die von den Schweinen ausgegebene Parole, der einzige Inhalt, den die Schafe sich merken können. Sie blöken diesen Satz im Chor und übertönen damit jegliche Kritik.
Aber wann ist man ein dummes Schaf und wann ist es Zeit zu vertrauen?

In Fantasy und Science Fiction ist dieses „Lied vom starken Anführer“, der oder die vorangeht und alle aus der Krise führt, auch ein Dauerthema. Zu vertrauen und zu folgen scheint eine tief in uns verwurzelte Sehnsucht zu sein. Egal ob Star Wars, Startreck, LoTR oder GoT, es werden Anführerqualitäten, Kommandostrukturen und Gefolgschaft thematisiert.
Auch J.K. Rowling beschäftigt sich in der Harry Potter-Serie mit diesen Fragen. Über sieben Bände erleben wir, wie Harry sich zu einem guten Anführer entwickelt und nach und nach lernt, die Bedürfnisse der anderen über seine eigenen zu stellen. Eine Schlüsselszene dieser Entwicklung ist der Tod Dobbys, der Harry ohne „Wenn und Aber“ gefolgt war, weil er in Harry den Anführer erkannt hatte, dem er, im wahrsten Sinne, sein Leben anvertrauen konnte. Die unglaubliche Verantwortung, die Anführerschaft mit sich bringt, wird Harry an Dobbys Grab einmal mehr bewusst.
Auch dass kein Anführer perfekt ist, niemand ohne Schwächen ist, thematisiert Rowling. Dumbledore, der in Band1 noch der perfekte Kinderhirte zu sein scheint, und der über die ersten Bände hin immer die richtigen Antworten weiß, wird im Laufe der Geschichte von mehr und mehr Seiten beleuchtet. Macht ihn die Bereitschaft, Harry für die gute Sache zu opfern, zu einem besseren oder schlechteren Anführer? Und ist es wichtig oder abscheulich, dass er durch Phasen gegangen ist, in denen er eher ein Demagoge zu werden drohte, statt ein guter, fürsorglicher Hirte zu sein?
Sirius Black ist ein Beispiel für jemanden, der sich der Hirtenrolle gar nicht bewusst wird und sie entsprechend schlecht ausfüllt. Dass Harry zu ihm aufsieht und in ihm einen Hirten sucht, überfordert Sirius.
Schon in der Debatte um den Klimawandel wurde deutlich: Wenn Wissenschaftler Auskunft über ihre ganz speziellen Fachgebiete geben, dann kann man als Nicht-Fachperson gar nicht beurteilen, ob der- oder diejenige von irgendeiner Lobby beeinflusst wird oder sich aus wirklicher Besorgnis und Fürsorge an die Menschen wendet. Und Virologen erleben jetzt genauso wie vor ihnen die Klimaforscher, dass sie angefeindet und sogar bedroht werden, weil Leute das Gefühl haben, dass sie da jemand in die Irre führen will. So manche Forschenden waren sehr überrascht, sich plötzlich in einer Anführerrolle zu finden, die sie nie haben wollten. Einige, wie Michael Mann oder Christian Drosten thematisieren das auch. Aber kann man, wenn man in Zeiten von Krisen nun mal der- oder diejenige ist, der oder die weiß wo es lang geht, die Hirtenrolle verweigern?
Im Moment wird besonders offenbar wie schwierig diese Gratwanderung ist, ob man „denen da oben“ vertrauen will oder sich doch lieber alle Gedanken selber macht und ob man dabei nicht gerade den schlechten Hirten auf den Leim geht.
Rowling thematisiert auch das Verhalten der „Schafe“, also derer, die gerne wissen möchten wo es lang geht. Manche möchten bitte den einfachen Weg geführt werden. Ordnung und alles wie immer. Dass sie sich mitten in einer Krise befinden, der man nicht ausweichen kann, wollen sie lieber leugnen. Und da kommen ihnen die Anführer gerade recht, die so tun als wäre Lord Voldemort nicht zurückgekehrt. Hirten, die so tun, als wäre alles in Ordnung und als könnte man weitermachen wie bisher, die lassen sich in solchen Situationen wohl immer finden, gute, verantwortungsbewusste Hirten sind das aber nicht.
Voldemort ist das Sinnbild des absolut schlechten, selbstsüchtigen Hirten, der über (Schafs-)Leichen geht. Beispiele für solche Anführer gibt es derzeit leider mehr als genug, auch wenn sie nicht soviel Flair zu bieten haben wie der dunkle Lord in den Harry Potter-Romanen.
Den perfekten Hirten gibt es nicht. Aber es gibt solche wie Harry oder Dumbledore, die ihr eigenes Anführersein immer wieder reflektieren und überdenken, die nicht besoffen werden von ihrer eigenen Macht und gesunde Selbstzweifel hegen.
Machtgier und Selbstverliebtheit sind keine guten Ratgeber, wenn es darum geht das Beste für die Anbefohlenen zu tun. Da mag man sich nicht entspannen und einfach mal Schaf sein. Da muss man kritisch bleiben. Sonst kommt man noch auf die Idee, sich Desinfektionsmittel zu injizieren oder die neuen Community-Masken leger über dem Mund aber unter der Nase zu tragen.
Gerade im Moment würden wir uns wünschen, klar erkennen zu können, wer ein guter Hirte ist, wer eigentlich selber nicht weiß wo es lang geht, aber trotzdem mal: „Mir nach!“ brüllt und wer ohnehin nur hinter unserer Wolle, äh, seinem Wohlstand und seiner Macht her ist.
Wehe denen, die nur sich selber weiden …
Wehe denen, die nur an sich selber denken. Wehe denen, die vergessen, dass sie als Hirten von Gott beauftragt sind für das Wohl ihrer Herde zu sorgen.
Wehe den Politikern, Managern, Staatchefs, Lehrern, Personalchefs, Eltern, Freunden, Nachbarn – wehe den Verführern und Demagogen.
Wehe uns, wenn wir andere in die Irre führen (auch versehentlich), andere ausnutzen, wenn wir unsere Macht missbrauchen.
Wehe uns, wenn wir unreflektierte, ahnungslose, selbstsüchtige, schlechte Hirten sind.
Gut für uns, wenn wir uns darüber klar werden, dass es Leute gibt, die auf uns schauen und sich von uns Führung und Fürsorge erhoffen. Gut für uns, wenn wir uns darüber klar werden, dass wir eine Sehnsucht haben nach einem oder einer, der oder die weiß, wo es lang geht. 
Einander wahrnehmen, für einander da sein und für einander sorgen. Eigentlich hütet doch jeder mal, tröstet, gibt Zuspruch, unterstützt. Jeder ist mal Schaf und jeder ist mal Hirte.
Gott erwartet von jedem Einzelnen von uns, ein guter Hirte zu sein, Verantwortung wahrzunehmen, aufeinander zu achten und Rücksicht zu nehmen, die Schwächsten nicht zu vergessen.
Der Oberhirte, der „gute Hirte“, das ist Jesus, der für mich sorgt, der mir den rechten Weg zeigt. Dem kann ich wirklich rundherum vertrauen.  
Jesus setzt Maßstäbe für gute Hirten, denen wir folgen können. Und alle anderen Hirten, die müssen sich an seinem Maßstab messen.