bookmark_borderZerrissenheit II

In der Jugendarbeit unserer Kirche zu arbeiten, ist für mich manchmal ein Scheitern. Ein immerwährendes Scheitern daran, was ich als richtig und gut erachte.
In der Welt der Fantasy, in deren Bücher ich mich so gerne „flüchte“, ist es immer klar: Der Gute ist eben der Gute, der Böse wird vernichtet. Mordor ist kein Urlaubsparadies, das Auenland schon. Orks sind böse, Elben gut. Das Haus Stark kämpft auf der richtigen Seite, das Haus Lennister nicht.
Was hier richtig und falsch ist, ist klar. Wenige Fantasyromane, die ich lese, leisten sich den Luxus divergenter Helden, unsicherer Zukunftsaussichten, komplexer Motivationen. Da ist das Leben immer klar.
Meine Arbeitswelt ist da anders – und ich arbeite für die Kirche. Die Systeme, in denen ich agiere, sind extrem komplex.

Das fängt an bei der direkten Arbeit mit Kindern und Jugendlichen: Was ist der rechte Weg? Die Orientierung an den Wünschen und Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen, so wie diese sie selbst äußern, oder der Wunsch, ihnen das Evangelium nahezubringen? Diakonie oder Mission? Arbeit mit Kindern aus prekären Milieus in den offenen Türen oder mit gutbürgerlichen Kindern im Rahmen von Gemeinde und Verbänden? Schickt mich Jesus zu den Menschen am Rande der Gesellschaft (Lk 10,25ff./Mk 10,17ff.), oder soll ich Maria sein, die nicht ihrer Schwester bei der Hausarbeit hilft, sondern nur auf Jesu Wort hört (Lk 10,28ff.)?

Und dann geht es über diese Arbeit hinaus: Sollen wir die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen auch als Teil der Zukunft unserer Gesellschaft betrachten oder als Teil der Zukunft unserer Kirche? Wollen wir Kraft und Energie einsetzen um politisch die Situation von Kindern und Jugendlichen zu verbessern, oder wenden wir uns jedem einzelnen Kind und Jugendlichen direkt zu? Wohin fließt am Ende welches Geld?
Und wo stehe ich dann in der Kirche? Was ist diese Kirche? Die Gemeinschaft der Glaubenden oder das strukturierte Verwaltungssystem? Spreche ich also vom Gebetskreis vor Ort, wo jeder mitreden kann und darf, wenn ich „Kirche“ sage, oder sehe ich die Institution, die Theologie-Studiengänge und Ausbildung von Fachpersonal ermöglicht? Akzeptiere ich, dass die Arbeit vor Ort eines finanziellen Überbaus bedarf, oder stehe ich im Widerspruch zu diesem ganzen System?

Gut, wenn klar ist, vor was man sich zu fürchten hat …

Auf Live-Rollenspielen kann ich all das für ein Wochenende hinter mir lassen. Dann tauche ich ein in die Welt der Fantasy. Wenn dich ein Ork mit einem Schwert angreift, darfst du ihn töten. Schwarzmagier sind böse. Ritter in Plattenrüstungen gehören zu den Guten, auch wenn sie arrogant und überheblich sind. Und am Ende trifft man sich in der Taverne und besingt die eigenen Erfolge.

Manchmal, nur manchmal wünschte ich mir es im echten Leben auch so einfach. Ich fühle mich gefangen in widersprüchlicher Empathie, die in komplexen Systemen für unterschiedliche Gruppen auftaucht. Manchmal wünsche ich mir Klarheit, Einfachheit und Struktur.

Und dann schrecke ich zusammen und atme tief durch. Ja, verdammt, das Leben ist nun mal nicht leicht, einfach und geradlinig. Und jeder Wunsch, es so zu betrachten, schließt Menschen aus. Diejenigen mit den einfachen und klaren Antworten, die mir sagen so ist das und nicht anders, schrecken mich ab. Sehen sie denn nicht all diejenigen, die dann rausfallen? Welche Partei gibt aktuell die einfachen Antworten? Wer steht auf und sagt: „So ist das und nicht anders!“? Wer will festlegen was wie zu sein hat?

Das Leben und die Menschen sind nun mal so verdammt komplex. Ganz ehrlich, wirklich komplex. Nur mal hier bei uns in Bielefeld: Fragt doch mal die Jugendlichen, welche Musik sie gerne hören und dann versucht eine Party für alle zu schmeißen. Der arme DJ. Wirklich, das meine ich ganz ernst, Menschen sind furchtbar … anders.

Gott ist Mensch geworden und das bedeutet für mich auch, dass er um diese Komplexität des Lebens weiß. Er kennt all diese widerstreitenden Gefühle. Erwartet er also von mir Klarheit und Geradlinigkeit? Oder erwartet er von mir, dass ich allein alle Probleme löse?

Für mich kann ich sagen, dass ich fest daran glaube, dass Gott mich genau deshalb nicht allein auf diese Welt gestellt hat. Sondern in Gemeinschaften. Mit ganz unterschiedlichen Menschen. Auch in der Arbeit. Und dass meine Arbeit nur so zu einem gelingenden Ganzen werden kann. Gemeinsam. Mit Euch.
Amen.
Malte Hausmann

bookmark_borderProphezeiungen

Eines meiner liebsten Vergnügen beim Konzipieren eines LARP-Plots ist das Erfinden absurder Prophezeiungen. Eine ordentliche Prophezeiung ist vage genug, nicht sofort verstanden zu werden, aber doch so konkret, dass sie zum Beispiel eine Bedrohung erkennen lässt oder etwas Begehrenswertes in Aussicht stellt. Eine gute Prophezeiung beschäftigt die Spieler eine Weile. Nach Möglichkeit besteht sie aus mehreren Teilen, die sie erst zusammenpuzzlen müssen. Und wenn es uns besonders gut gelingt, dann ändert sich mit jedem neu gefundenen Teil die Bedeutung komplett.

Spruchrollen oder Bücher werden gebastelt, vielleicht das Ganze noch in geheimer Schrift. Oder einzelnen Spielern werden kleine Zettelchen zugesteckt, auf denen sie instruiert werden, dass sie eine Vision erhalten und diese möglichst dramatisch vor Anderen ausspielen sollten. Danach ist es eine Freude für die Spielleitung, als NSC zwischen den Teilnehmenden zu sitzen und zuzuhören, wie sie zu deuten versuchen, was sie da geweissagt bekommen haben.

Autoren wie J.K. Rowling, George R.R. Martin und auch schon Shakespeare und viele andere haben sich solcher Elemente bedient: Wahrsagelehrerinnen, die keiner ernst nimmt, wandernde Wälder, die Morgen, die noch nicht gekommen sind. Einer, in dem die Macht stark sein wird …

„Was hat das alles zu bedeuten?“ Eine Frage, die wir Menschen uns gerne stellen.

Während wir mit moderner Fantasy genussvoll diese Lust am Unklaren und Rätselhaften befriedigen, haben solche Weissagungen unseren Vorfahren mitunter wirklich Angst gemacht oder sie dazu gebracht, ihr Leben zu verändern.

Nicht ganz eindeutige Prophezeiungen, deren Interpretation zu Verwirrung und manchmal Selbsterfüllung führen, sind schon seit der Antike ein Thema, das Menschen beschäftigt. So manche griechische Tragödie erzählt davon, wie Menschen Prophezeiungen auszuweichen versuchten und dabei genau in die Falle tappten, der sie zu entkommen hofften.

Während die griechischen Propheten scheinbar die Zukunft vorhersagten, aber meist recht unklar blieben, waren die biblischen Propheten eher damit beauftragt, dem Volk Gottes Wille hervorzusagen – in aller Deutlichkeit. Aber auch in ihren Schriften finden Menschen immer wieder Hinweise auf die Zukunft und interpretieren sie.

Auch von Jesus wird berichtet, dass er sich auf die alten Schriften beruft: Mit seinem Leiden und Sterben, aber auch der Auferstehung „wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“ (Lk 18,31ff.)

Jesu Lesart des ersten Testamentes war für die Jünger nicht nachvollziehbar. Sie erwarteten eher, dass sein Weg ihn auf den Königsthron in Jerusalem führen würde – und nicht ans Kreuz!

Sie lasen bei Jesaja: „Die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-rat, Gott-held, Ewig-vater, Friede-fürst“ und bei Micha: „Denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, soweit die Welt ist.“

Darum erwarteten sie jemanden, der die römischen Besatzer aus dem Land schmeißen würde, der ein unabhängiges Königreich Israel ausrufen würde. Die Anhänger Jesu warteten auf den starken Mann, der ihr Land wieder groß macht. Sie hofften auf einen Messias mit Schwert und Schild, einen, der ihnen voranschreitet.

Jesus sagte seinen Jüngern, dass sich in seinem Geschick die Weissagungen der Propheten erfüllen werden. Aber er hat dabei an andere Bibelstellen gedacht, denn bei Jesaja findet sich auch, dass der Knecht Gottes „verspottet und misshandelt und angespien“ wird, dass er ausgepeitscht werden wird: „Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen.“, heißt es da.

Mit der Interpretation des ersten Testamentes gilt es sehr sorgsam umzugehen, es ist auch die heilige Schrift des Judentums. Zuviel sollten wir nicht hinein- oder herausgeheimsen.

Das Herumrätseln und wilde Interpretieren, das gehört in die Welt der Fantasy.

Aber dass Jesus, unser Christus, diese Texte erfüllt hat, indem er eben kein Kriegsheld wurde, sondern sich hingegeben hat, das dürfen wir annehmen.

bookmark_borderRichtig gute Geschichten III

In einer Parallelwelt, in der Literatur so wichtig genommen wird, dass es eine Spezialpolizei gibt, um sie vor Fälschern zu schützen, muss die Geheimagentin Thursday Next die Gouvernante Jane Eyre aus dem berühmten gleichnamigen Roman von Charlotte Brontë vor einem Bösewicht retten. Als Mitglied der „Jurisfiktion“ stellt Thursday sicher, dass die Handlungsabläufe von Geschichten unverändert bleiben und die Figuren ihre Rollen spielen. Thursday hat die besondere Fähigkeit, durch lautes Vorlesen in die fiktive Welt eintreten zu können.
Im Laufe der skurrilen Serie bekommen wir viele bekannte Romane und Geschichten quasi von innen zu sehen. Thursday liest sich in verschiedene Bücher hinein, um dort zu ermitteln und nimmt dabei die Leser mit auf eine spannende Reise.
Vom meist gedruckten Buch unserer Welt lässt der Autor Jasper Fforde die Finger, kein biblisches Buch wird in seiner Romanserie betreten. Ich frage mich natürlich dennoch, wie es wohl wäre, könnte ich so in ein Buch der Bibel gelangen, es quasi mit eigenen Augen erleben.
Ich würde gerne einmal in eines dieser biblischen Bücher hineinschlüpfen. Bei diesem Gedanken habe ich die Abbildung eines Bücherregales vor Augen, die wir im Konfi-Unterricht benutzen, um deutlich zu machen, dass wir die Bibel zwar heute als ein einziges Buch in Händen halten, als Sammelband quasi aller relevanten Geschichten über Gott und seine Beziehung zu uns Menschen, dass sie aber aus vielen einzelnen Büchern besteht.

Für welches Buch würde ich mich entscheiden?

Direkt für das allererste, zusehen, wie Gott die Schöpfung herbei liebt und zum Leben erweckt?

Vielleicht würde ich gerne David und seine wilden Männer erleben, in den Zeiten, da sie in den Bergen Israels umherstreifen.

Oder Amos, wie er den Reichen mit feurigen Worten ins Gewissen redet.

Oder ist es das Neue Testament, das ich vielleicht viel besser verstehen könnte, wenn ich einmal durch die Augen einer der Evangelisten dabei sein könnte, wie Jesus predigt und Wunder tut.

Mit den Frauen zum Grab gehen …

Eine Zeitreise wäre das nicht, immer ist es die Sicht des Autors, die Thursday beim Betreten von Büchern erlebt. Aber es würde mir doch die Gedanken und die Überzeugungen der Autoren der Bibel so viel näher bringen. Vielleicht würde ich ihren Glauben besser verstehen und dabei meine Glaubensüberzeugungen überprüfen und vertiefen können.

In welches biblische Buch würdet ihr gerne einsteigen? Und warum gerade dieses?

bookmark_borderZerrissenheit

(Kann Spuren von Protestantismus enthalten)

Denn wie der Leib einer ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt. 1. Kor 12

Wir alle kennen den Text, vermute ich.

Ein Leib, viele Glieder. Heute besteht die Kirche aus Menschen, die ganz unterschiedlichen Traditionen entstammen, mit unterschiedlichen Ausbildungen in ebenso unterschiedlichen Betätigungsfeldern engagiert sind.
Und auch ich stehe mitten in Kirche und Gesellschaft. Und immer wieder merke ich, dass meine Toleranz, mein Verständnis von Zusammengehörigkeit und dem, was nun mal zu dieser Zusammengehörigkeit gehört, auf eine harte Probe gestellt wird.
Meine letzte Zerreißprobe war der 9.11. An diesem Tag mobbten sich wieder die Rechten durch Bielefeld. Ganz ehrlich: Ich lebe hier, ich will das nicht. Ich will auch die nicht. Ich will nicht, dass dieses braune Gedankengut in meiner Stadt sichtbar ist. Ich will nicht, dass die Innenstadt für diese Art der Demonstration abgesperrt wird.

Kann das nicht verboten werden?

Ich will eine offene Gesellschaft, die jeden toleriert. Ich will eine Gesellschaft, die jeden einlädt und willkommen heißt. Ich setze mich für ein friedliches Miteinander in unserer Gesellschaft ein.
Eine Gesellschaft, die jeden toleriert … Also auch die? Die da durch unsere Straßen toben und ihren ewig gestrigen Gedankenmüll verbreiten. Ja, auch die. So sehr es mich zerreißt: Wenn ich eine Gesellschaft will, die alle willkommen heißt, dann kann und darf ich nicht entscheiden, wer zu „allen“ dazugehört.
In dieser Frage zerreißt es mich. Muss ich das wirklich so denken? Kann ich mir nicht im Hinblick auf „Rechtsaussen“ Intoleranz zulegen? Was würde aus mir werden, wenn ich diese Intoleranz zuließe?
(Daß eine Grenze aller Toleranz bei Forderung nach Gewalt und Verbrechen gegen die Menschlichkeit erreicht ist, steht außer Frage. Hier geht es um die, die mitlaufen, weil sie sich eine geordnetere, „sicherere“ Welt wünschen.)
Diese tolerante Haltung und die daraus sich ergebenden Entscheidungen fallen schwer.
Im Star Wars-Epos muss Luke Skywalker seine Entscheidung treffen: Er tötet seinen Vater am Ende eben nicht, um nicht seinen Platz auf der dunklen Seite einzunehmen.
Die gesamte Gesellschaft des Rings im Herrn der Ringe wird gespalten durch die Frage, ob der Ring nicht auch dem Guten dienen kann. Frodo trifft auch am Ende eine Entscheidung: Er will den Ring nicht zerstören, wendet sich ab von der Seite des „Guten“. Und bekommt durch Gollum einen Rivalen, der ihm die Konsequenz dieser Entscheidung und den Ring abnimmt.


Und wie stehe ich in der Kirche da? Wenn es um meinen Glauben und die Frage geht, wie ich ihn auslebe?
Auch da kenne ich diese Zerrissenheit. „Ist das noch evangelisch?“, frage ich mich da zuweilen. Wenn ein fliegender Pfarrer geweihtes Wasser vertreibt, oder ein Mähdrescher Bonnke durch Westafrika tourt, wenn in Nordirland nun rund um den Brexit die Protestanten und die Katholiken lang verscharrte Kriegsbeile ausgraben … das ist einfach nicht meins. Da kann ich nicht mitgehen. Und da bin ich versucht, nicht nur mich, sondern auch meinen Glauben abzugrenzen. Das ist in meinen Augen nicht mehr das, was ich unter „evangelisch“ verstehe. Manchmal sogar unter „christlich“.
Ich kann verstehen, wenn auch meine Art für Menschen zuweilen nicht mehr in das passt, was sie sich für die Kirche und den Glauben wünschen. Ich gehe eher selten in den Sonntagmorgen-Gottesdienst. Ich kann mich in dieser Veranstaltung häufig nicht wiederfinden. Ich bin extrem offen, wenn es darum geht, wer welche Andacht hält. Ich bin kirchlichen Traditionen gegenüber eher kritisch und frage danach, welchen Sinn sie im Leben der Menschen im Jahr 2020 haben. Ich befolge keine christlichen Regeln, deren Sinn ich nicht verstehe, nur um der Regel willen. Ich frage nach dem Sinn, nach dem Grund und will es verstehen, nicht einfach nur glauben.
Paulus hatte genau diese Momente im Blick. Die Zerrissenheit, die zuweilen quer durch die Menschen, aber auch durch die Gemeinden ging. Und da trifft mich sein Text ins Mark. Wer bin ich denn, zu entscheiden, was dazugehört, und was nicht? Pfarrer, die so predigen als hätten wir 1614 und Luther wäre eben noch durch die Kirche gelaufen, Theologen, die ihre Wissenschaftlichkeit durch Zitate in Hebräisch in ihre Texte einfließen lassen, Andachten, in denen Gott nur noch am Rand oder gar nicht mehr vorkommt.
Wer bin ich, dass ich urteile? Und doch, zuweilen zerreißt es mich. Und dann muss ich mir die gleiche Frage stellen, wie bei den Nazis: Was würde aus mir werden, wenn ich diese Intoleranz zuließe?

Vielleicht geht es der einen oder dem anderen von euch ja genauso.

Nun komme ich auf meine Kirche zurück:
Wir evangelische Christen sind alle sehr unterschiedlich. Ganz ehrlich, mein Ziel wäre nicht der berühmte Filmdialog:

Brian: „Ihr seid alle Individuen!“
Volk im Chor: „Ja, wir sind alle Individuen!“
Brian: „Und ihr seid alle völlig verschieden!“
Volk im Chor: „Ja, wir sind alle völlig verschieden!“
Einer: „Ich nicht!“

Wir sind unterschiedlich und diese Unterschiedlichkeit kann zwei Seiten haben:
Sie kann unsere Schwäche sein: „Evangelisch– was ist das schon? Stellen Sie da doch mal eine Frage und Sie bekommen drei Antworten.“ Da wir ohne Papst leben dürfen, der uns sagt, was richtig und falsch ist, sind wir in der Tat recht verschieden. Eine einheitliche Außendarstellung gibt es bei uns nicht. Das ist für die tolle Arbeit, die wir leisten, zuweilen schlecht.
Und wenn wir uns gegenseitig dadurch definieren, dass wir eben nicht die anderen sind. Ja die, die da in der Landeskirche, die sind ja so … Und wenn ich an die da, bei den Freikirchen denke, dann … Schnell machen wir einander gegenseitig und uns selbst ob unserer Unterschiedlichkeit das Leben schwer.
Die Jugendlichen wissen ja gar nicht mehr was …, wenn ich schon diese alten Lieder …, was soll denn das mit Glauben zu tun … Wir sind gerne bereit, in unsere Unterschiedlichkeit auch noch Grenzen zu ziehen, mit Stacheldraht und Mauer.

Unterschiedlichkeit kann aber auch eine Stärke sein:

Ja, wir sind unterschiedlich, genauso wie die Menschen, mit denen wir leben und arbeiten. Stellt euch doch mal vor, wir würden alle das Gleiche tun. Was würde aus den Menschen werden, die dann an diesem einen Angebot nicht andocken können. Das Leben, die Menschen, unsere Gesellschaft braucht nicht eine christliche Arbeitsweise sondern viele. Immer da, wo Gott uns hinstellt.
Weil die Ringgemeinschaft aus so unterschiedlichen Leuten bestand, hat es zum Schluss einer geschafft das Richtige zu erreichen, auch weil er es eben nicht selber getan hat.
Und auch was unseren Glauben angeht: Es gibt nicht die richtige Antwort darauf, wie korrekt zu glauben ist. Zumindest habe ich sie noch nicht gefunden. Was genau Glaube heißt, wie jeder und jede von uns seine und ihre Beziehung zu Gott pflegt, das ist so individuell wie wir nun mal sind. Wir sind viele und das ist ein Vorteil.
Meine feste Überzeugung ist, dass Gott uns in diese Welt gestellt hat, mit unterschiedlichen Gaben und Fähigkeiten. Dass er einen Platz für uns hat in seinem Werk. Wer bin ich, das beurteilen zu wollen?
Ich wünsche mir für uns und unser Engagement für unseren Glauben eine Überzeugung:

Wir arbeiten in Anerkennung der anderen. Wir sind alle anders, genauso wie das Leben.
Wir arbeiten in Respekt vor der Arbeit der anderen. Christliche Arbeit mit Menschen ist anders, genauso wie die Menschen, mit denen wir arbeiten.
Und ich bin mir aber leider genauso sicher, eine solche Überzeugung bleibt nicht unangefochten und ist keine leichte, sondern wir müssen immer wieder um sie ringen und uns das bewusst machen, was Paulus uns sagt: Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ein Glied.

Malte Hausmann

bookmark_borderLuke, nutze die Macht!

„Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9, 24)
Ich gebe es unumwunden zu, die „echten“ Starwars-Filme sind für mich die Episoden 4, 5 und 6. Alles andere ist nette Dreingabe oder ärgerliche Zeitverschwendung aus meiner Sicht. Denke ich an Starwars, dann denke ich an einen jungen Luke, Lea, Han, einen alten Obi-Wan und einen greisen Yoda.

An den jungen Luke Skywalker erinnert mich die Jahreslosung 2020:
„Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9, 24)

Ich habe Luke vor Augen, wie er angestrengt, zuerst unter Obi-Wans und dann unter Yodas Anleitung, die Macht der Jedi zu nutzen versucht. Seine Lehrmeister erklären ihm, dass er sich darauf einlassen muss. Yoda sagt ihm: „Tue es, oder tue es nicht. Es gibt kein Versuchen.“ (E5)
Ich fühle mit Luke, eigentlich möchte ich glauben, felsenfest, von ganzem Herzen.
Ich bewundere die alten Frauen in meinem Gebetskreis dafür, wie sie ein Leben lang an Gott festgehalten haben in scheinbar unerschütterlichem Glauben. Sie kommen mir vor wie Obi-Wan und Yoda, deren Fähigkeiten für mich unerreichbar zu sein scheinen. Aber in Gesprächen berichten auch sie von Krisen, von Fragen von Verzagen.
„Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“
Jede von uns hat das so oder anders formuliert vermutlich schon zu Gott gesagt.
Und wenn ich dann mal in die ungeliebten Episoden 1-3 schiele, sehe ich, dass auch der Regisseur George Lucas sich die beiden Jedi-Meister Obi-Wan und Yoda mit einer Geschichte von Krisen und Unsicherheiten vorgestellt hat.
Sören Kierkegaard hat überlegt, dass Glauben wie ein Abspringen ist, mit der Hoffnung auch richtig aufgefangen zu werden. Er spricht vom „Sprung in den Glauben“.
„Tue es, oder tue es nicht. Es gibt kein Versuchen.“
Entweder man springt, oder man bleibt stehen. Aber während man springt, ist man in völliger Unsicherheit, da kann man nur hoffen und trauen, dass man auch wirklich aufgefangen wird. Und wieder habe ich Luke vor Augen, der mit verbundenen Augen versucht, ein bewegliches Ziel zu treffen und scheitert. Aber ich sehe auch Luke, der ohne Targeting-Computer in den Todesstern fliegt und sein Ziel trifft.
„Luke, nutze die Macht!“ – „Spring!“
Auf unsere menschlichen Sinne können wir uns nicht verlassen beim Glauben, da hilft nur Vertrauen auf Gott und es hilft die Gemeinschaft mit Menschen, die selbst schon die eine oder andere Glaubenskrise gemeistert haben und so für uns zu Lehrmeistern und Lehrmeisterinnen des Glaubens werden.
Und irgendwann – und jetzt schiele ich in die für mich ganz unterhaltsamen neuen Disney-Episoden – wenn wir selber ein paar Krisen gemeistert haben, dann sind wir auch mal dran, einem jungen Padawan weiterzuhelfen auf dem Weg des Glaubens.
„Herr, ich bitte Dich, gib mir immer wieder den Mut zu springen und darauf zu vertrauen, dass, egal wo ich lande, ich in Deiner Hand bin. Amen“

NL