Das Böse II

Warum Teil II? Zu der Frage, was denn das Böse ist, wo es herkommt und wie es in der Welt unterwegs ist, habe ich bereits eine Andacht geschrieben. Sie endete mit dem Zwischenschritt, dass das Böse nicht eine Macht ist, die außerhalb von Menschen existiert, sondern dass das Böse in uns ist und immer in uns sein wird.
Kurz nach Halloween am 31.10 war es dann wieder da, das Böse. Am 9.11.2019, einem Tag des Gedenkens daran, was Menschen sich gegenseitig anzutun vermögen, demonstrierte eine Handvoll Nazis in Bielefeld. Und viele tausend Menschen stellten sich dagegen.
Die Rollen waren klar verteilt, dort die Bösen, hier die Guten.
Und doch, ist das so einfach? Bin ich wirklich einer von den Guten …?
Der 9.11 ist ein Tag der Erinnerung. Der Erinnerung daran, dass in Deutschland 6.000.000 Juden durch das NS Regime ermordet wurden. In Konzentrationslagern geschlachtet und vergast, auf dem Weg dorthin erschossen, in Hilfeeinrichtungen dem Hungertod überlassen oder wie auch immer getötet. Daneben starben in der Vernichtungsmaschinerie weitere 6 Millionen Menschen, der Krieg forderte dann noch einmal 65 Millionen Menschenleben. Und dieses Gedenken versuchen wir mit allem Mittel wach zu halten. Wir unterrichten es in Schulen und haben Orte und Zeiten des Gedenkens eingerichtet. Warum das alles? Müssen wir uns denn wirklich immer wieder alle daran erinnern? Reicht es nicht, wenn wir einen Erinnerungsrat bilden, der dann wissenschaftlich begleitet das Gedenken pflegt?
Das Böse findet einen Weg zurückzukehren. Ich weiß nicht, wie häufig ich diesen Satz in dieser oder ähnlicher Form schon gelesen und gehört habe. Viele Geschichten und Romane leben davon, dass die Vergangenheit wiederkehrt.
Als Gandalf im Herrn der Ringe herausfand, dass Frodo wirklich den einen Ring besitzt, (Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden – Im Lande Mordor, wo die Schatten droh‘n.) war das Erstaunen groß. Viele wollten es nicht wahrhaben, andere wollten den Ring für den Kampf auf ihrer Seite nutzen. Hatten sie nichts aus der Geschichte gelernt? Nein, hatten sie nicht, denn die Geschichte war vergangen und die Erinnerungen verblasst. Und die Elfen, die diese Erinnerung bewahrt haben, sprachen mit niemandem.

In Hogwarts bei Harry Potter wird auch nicht gerade häufig von „Du weißt schon wem“ gesprochen. Geschweige denn, dass die Geschichte Teil des Unterrichts wäre. Und dann, als „Du weißt schon wer“ wieder zurückkehrt, da wollen es die Zauberer nicht wahrhaben.
Und der weise Rat der Jedi wird bei Star Wars im Handstreich ausgelöscht. Die Erinnerung getilgt und der Aufstieg der dunklen Seite der Macht so ermöglicht. Einige wenige reichen eben nicht, um die Erinnerung wach zu halten.
Und nun scheint es, dass auch in Deutschland das Böse aus der Geschichte erneut an Kraft zulegt.
Doch was ist dieses Böse, das da zurückkehrt? Es sind, denke ich, die Gedanken daran, was anders und besser sein könnte. Es ist das Gift der einfachen Antworten auf komplexe Fragen. Es ist die Versuchung, das Leben einfacher, schöner und sicherer zu gestalten. Und dieses Gift wächst in Menschen wie mir.
Wie mir? Ich gehöre doch zu den Guten, oder nicht?
Vielleicht. Doch was heißt das schon. Wenn ich mich darauf verlasse, dass ich etwas Gutes tue, wird die Geschichte das auch als gut anerkennen? Zu viele Menschen haben in der Geschichte mit besten Vorsätzen, mit tollen Absichten und mit der absoluten Überzeugung das richtige zu tun, absolute Gräueltaten begangen. Die Geschichte unserer Kirche ist voll mit diesen Menschen. Exorzisten, Kreuzritter und Missionare – Sie alle behaupteten von sich, das Richtige zu tun. Und ich glaube, viele waren zutiefst davon überzeugt. Niemals hätten sie sich auf die Seite des Bösen gestellt. Sie waren sich in ihrer Zeit, in ihrer Erziehung, in ihrem Menschenbild und in ihrem Glauben sicher, das Richtige zu tun.
Und doch, heute sehen wir ihre Taten zuweilen anders.
Und ich, ich alter weißer Mann, kann ich mir sicher sein, das Gute zu tun? Sobald ich das tue, sobald ich mich nicht mehr hinterfrage, sobald ich fest davon überzeugt bin, das Gute zu tun, werde ich gefährlich. Dann nämlich nehme ich keine anderen Meinungen mehr an. Ich akzeptiere nur noch mein eigenes Urteil, dann gnade mir Gott.
Und davor will ich geschützt sein, darum bitte ich jeden Sonntag: Und führ mich nicht in Versuchung, sondern erlöse mich von dem Bösen.
Dieses Böse wohnt in mir. Ich bin nicht frei davon. Das darf ich nie vergessen. Und das darf kein Mensch vergessen.
Darum erinnern wir uns zum 9.11. an die Opfer der Nazizeit, darum unterrichten wir unsere Kinder. Weil kein Mensch davon frei ist. Niemand ist gut und niemand ist böse. Wir sind alle nur Menschen. Und wir treffen Entscheidungen. Und kein Held der Welt kann dieses Böse in uns aufhalten, ja jeder Held, jede Gruppe von Helden hat immer ihre Schwachpunkte.
Und das Böse schläft nicht, also müssen auch wir wachsam bleiben.

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