bookmark_borderPsioniker und das Mystische in der Science Fiction

Selbst die Science Fiction kommt nicht ohne Mystik aus! Das zeigt sich in den großen Bögen der SF-Literatur oder auch den bekannten Filmen immer wieder. Star Trek hat Spok und Sarek, die ja schon im Leben bestimmter Enterprise-Captains gewichtige Rollen spielten (vor allem die mentale Verbindung zwischen Picard und Sarek sei hier angemerkt!) und in ST Discovery wieder eine starke Rolle bekommen haben. Star Wars hat die Jedi. Spiele wie etwa Stellaris arbeiten mit einem psionischen Zivilisationsaufstieg, und einflussreiche SF-Autor*innen [JK1] wie James Tiptree Jr. oder William Gibson greifen in ihren Geschichten zu mystischen Elementen, um ihre Zukunftsvisionen zu illustrieren.
Es ist schon irre, dass ausgerechnet die Literaturgattung, die sich selbst die Möglichkeit gegeben hat, mit (natürlich erdachten) wissenschaftlichen Fortschritten Geschichten zu erzählen, selbst wieder nach mystischen Elementen greift. Ausgerechnet die Fanbase, die sich in Foren, Blogs und auf Youtube in endlosen Stunden und Beiträgen über fiktionale oder nichtfiktionale logische Zusammenhänge die Köpfe rauchig diskutieren kann und mag. Ausgerechnet die erdachten Welten, in denen eine utopische oder dystopische Gesellschaft oftmals unsere Religion(en) gezielt nicht mehr ins Zentrum rückt, sondern einen unerschütterlichen Glauben an Fortschritt oder den täglichen Überlebenskampf zum Zentrum des Antriebs der handelnden Menschen macht. Oder der Andorianer. Oder … Ihr wisst schon.
Diese mystischen psionischen Fähigkeiten sind dann auch noch oft gerade bei Völkern stark, die selbst noch religiöse Bindungen pflegen. Die Vulkanier unterhalten Klöster und strenge Riten. Die Asari aus Mass Effect leben in rituellen Bezügen. In Stellaris muss man sogar ein spiritualistisches Volk spielen, um Zugang zur Psionik zu haben.
Für mich zeigt sich darin ein wichtiger Zusammenhang: Selbst den genialen Köpfen der Science Fiction scheint es nicht zu reichen, dass sie alle Magie, all die Möglichkeiten, die ihren Geschichten Würze verleihen, technisch erklären können. Es genügt nicht, alles im vorhersehbaren, rationalen Rahmen zu gestalten. In bloßer Wissenschaft steckt eben kein Leben. Für große Geschichten, für mitreißende Unternehmungen braucht es Dramatik und Mystik. Deshalb sind die Jedi so unheimlich interessant. Uralt, mystisch und immer in Abenteuer verstrickt. Da steckt Leben drin!
Das Unerklärbare fordert unsere eigene Phantasie heraus. Und es ist ja gerade das, was einen Science Fiction-Fan wie mich so fasziniert – wenn seine eigene Phantasie getriggert, ja beflügelt wird und er selbst unter der Dusche rätselt, wie es mit den Charakteren wohl weitergeht, oder was er in dieser und jener Situation mit diesen und jenen Fähigkeiten getan hätte.
Das ist für mich ein religiöser Reiz. Denn auch in meinem Glauben komme ich an diesen Punkt, an dem ich mit meiner eigenen Phantasie gefragt und angeregt bin. Im Gebet, bei Wünschen für meine Umwelt, meine Freunde und Familie. In den alten Geschichten. Und interessanterweise auch in den Riten, die Kirche bietet. Da steckt Mystik drin! Meditation, Gemütsruhe, betont agierende Ästhetik. Sogar das Fremde, da ich ja auch oft das Handeln von Riten für mich mit Bedeutung füllen muss, finde ich in den kirchlichen Riten wieder. Alles, was ich selbst auch bei Vulkaniern und Jedis so spannend finde, das finde ich im kirchlichen Handeln.
In Kirche steckt Science Fiction, zumindest ein bisschen.


Felix Klemme, Pfarrer in einer Einzelpfarrstelle in einem Vorort von Paderborn, ist 33 Jahre alt und begeistert von Science Fiction in jeglichen Formen, sowie dem Pen and Paper-Rollenspiel Das Schwarze Auge (DSA). Er streamt auf seinem YouTube-Kanal (PoelleRPG) gerade die größte Kampagne dieses Rollenspiels und liebt es, Geschichten mitzuerleben und zu erzählen.

bookmark_borderRichtig gute Geschichten II

Ich liebe es, Geschichten zu hören und zu lesen. Vor allem natürlich gute. Aber was macht eine gute
Geschichte aus?
Ich las unlängst das Buch „Die Musik der Stille“ von Patrick Rothfuss. Ein Buch, das ich nicht
empfehlen kann, zumindest niemandem, der nicht die ersten zwei Teile der Königsmörder-Chronik
gelesen hat. Die Geschichte, die erzählt wird, handelt kurz gesagt von einem

Mädchen, das aufräumt.
Sie hat an sich aber nichts, was ein Buch sonst ausmacht. Keine weiteren Protagonisten, keine
wörtliche Rede, keine offensichtliche dramatische Handlung.
Und doch, die Geschichte wurde in Buchform gebracht, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt
und auch hier finden sich Leser. Unter anderem ich, der die Protagonistin sehr liebgewonnen hat.
Geschichten zu erzählen hat etwas mit demjenigen zu tun, der sie erzählt, mit der Geschichte selbst
und den Zuhörern. Geschichten ändern sich je nachdem, wer sie erzählt. Die Geschichte des
Erzählers, sein Leben und seine Erlebnisse haben etwas mit der Geschichte zu tun. Geschichten
erzählen ist etwas anderes als Vorlesen.

Und Geschichten sollten sich ebenso mit den Zuhörern
ändern. Die Geschichte vom Fischer und seiner Frau (Manntje, Manntje, Timpe Te, – Buttje, Buttje
inne See, – myne Fru de Ilsebill – will nich so, as ik wol will.) ist durchaus variabel. Wie viele Stationen
die Frau durchläuft und welche ist unterschiedlich, ob diese Geschichte Kindern oder Erwachsenen
erzählt wird. Die Aussage bleibt am Ende aber gleich: Die Frau, die so sein will wie der liebe Gott
selbst, sitzt wieder in ihrem Pissputt. (Hochmut kommt vor dem Fall.) Wir als Zuhörer erkennen sehr
schnell, ob uns eine Geschichte erzählt wird, oder ob wir einem Vortrag lauschen.
Und auch die Geschichten, die wir in der Bibel lesen, sind variabel. Menschen haben hier ihre
Beziehung zu Gott in Geschichten festgehalten. Anders kann ich mir die zwei Schöpfungsberichte
nicht erklären. Hier wurde etwas von Menschen für Menschen erzählt um jemandem die inhaltlichen
Aussagen nahezubringen. Und wir, die wir diese Geschichten heute erzählen, dürfen sie variieren und
wir müssen es mitunter auch – je nachdem, wer uns zuhört. Als Beispiel erzählen wir die Geschichte
von der Arche Noah selten so, dass Gottes Vernichtung der gesamten Menschheit, das Ertrinken von
Millionen von Menschen und Tieren zur Beruhigung von Gottes Zorn im Mittelpunkt steht, oder?
Eine Geschichte, die weder mit dem Erzähler etwas zu tun hat, noch mit den Zuhörern, ist leblos. Für
uns Erzählende bedeutet das, wir dürfen uns nicht verstecken, nicht hinter die bloßen Worte
zurückziehen. Wenn wir keine Hörbücher schaffen wollen, müssen uns unsere Geschichten selbst
bewegen und etwas von uns erzählen.
Und es geht sogar noch weiter. Selbst wenn wir die alten Geschichten nicht erzählen oder sie in
unserer Arbeit oder unserem Leben vermeintlich gar nicht ihren Platz finden, sind wir Teil von Gottes
Geschichte mit uns Menschen. Mit unseren Taten erzählen wir jeden Tag Geschichten und manche
Geschichten werden auch über uns erzählt.
Das sollte uns bewusst sein. Alles, was wir tun, ist ein Teil von Gottes Geschichte mit uns und unseren
Mitmenschen, an dessen Ende das Reich Gottes steht.

Malte Hausmann

bookmark_borderHabenichtse

„Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen.“ Apg.2,35

Der Roman „Planet der Habenichtse“ (im Original „The Dispossessed“) von Ursula K. Le Guin aus dem Jahre 1974 wird bei Wikipedia als Utopie kategorisiert. Es ist ein Science-fiction-Roman der von dem Wissenschaftler Shevek handelt, der eine wichtige Entdeckung gemacht hat.
Auf Sheveks Heimatplaneten wird eine Gesellschaftsform gelebt, die die Autorin als „idealistischen Anarchismus“ bezeichnet.
Sie erklärt das so: „das moral-praktische Thema ist die Kooperation, die Solidarität und die gegenseitige Hilfe“.
Auf Sheveks Heimatplaneten Anarres gibt es de facto keinen Privatbesitz. Keine eigene Wohnung, kein eigenes Fahrzeug, kein Geschirrservice, keine Spielekonsole, keine Bücher, nichts gehört dem Einzelnen. Selbst die Sprache ist so entwickelt worden, dass es keinen Ausdruck für mein und dein gibt. Statt zu sagen: „Das ist mein Bleistift.“ sagt man „Das ist der Bleistift, den ich benutze.“.
Le Guin beschreibt aber auch, dass selbst in einer scheinbar idealen Gesellschaftsform, in der alles miteinander geteilt wird, der einzelne Mensch für sich ein Stückchen Macht gewinnen kann, als Lehrer oder Verwaltungsmitarbeiter (Ist es wirklich der Computer, der für alle die ideale Arbeitsstelle aussucht?) und so anderen Menschen das Leben schwerer machen kann.
Obwohl Anarres seinen Bewohnern obendrein harte Arbeit abverlangt um sich zu ernähren und Kultur und Freizeit oft zu kurz kommen, spürt man, dass dies ein utopischer Ort ist.
Ich mag dieses Buch sehr, weil die Hauptfigur Shevek so wunderbar selbstverständlich mit dem „nichts besitzen“ umgeht. Le Guin hat mich mit meinem eigenen Konsumverhalten, meinem eigenen ständigen Verlangen nach Neuem konfrontiert.
Die Vorstellung, „meine“ Aquarellpinsel abends einfach in einer gemeinsamen Werkstatt liegen zu lassen und am nächsten Tag vielleicht ganz andere Pinsel zu erwischen, ist für mich nicht positiv utopisch. Ich mag es, dass „die Pinsel, die ich benutze“ meine Pinsel sind. Sanft wird mir der Spiegel vorgehalten, so dass ich das zumindest einmal hinterfrage und benenne.
Immer wieder haben Menschen versucht, zu einer Lebensweise wie „vor dem Sündenfall“ zurückzukehren, alles zu teilen, Privatbesitz auszuschließen. Immer wieder misslingt das, wenn eine Bewegung zu groß wird. So ist es auch den frühen Christen gegangen, die irgendwann zu hierarchischen Strukturen gefunden haben und sich in einer Welt mit Besitzern und Habenichtsen eingerichtet haben. Aber zwischen der totalen Aufgabe von Privatbesitz und unserem Leben in den westlich geprägten Ländern heute ist ein weites Feld.
In Zeiten von Artensterben, Ressourcenausbeuten weit über die Nachhaltigkeitsgrenze und globaler Erwärmung ist es sicher an der Zeit, sehr genau zu überlegen, was wir eigentlich wirklich persönlich brauchen um uns erfüllt zu fühlen und was wir eigentlich auch teilen könnten.
Können wir das hinkriegen? Jesus hat eine Menge Vertrauen in seine Nachfolger gelegt, als er sie aufgefordert hat zu teilen, sich um einander zu kümmern, die Armen nicht zurückzulassen. Es ist höchste Zeit, dass wir uns das wieder vor Augen halten.
Eine gute Zusammenfassung der Geschichte hat Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Planet_der_Habenichtse
Wer den Roman lesen möchte, kann ihn gebraucht für ca. 15 Euro erwerben. Das Exemplar, in dem ich lese, bleibt erst mal noch hier, ich muss es wohl noch ein paar Mal lesen ehe ich es abgeben kann.

Natascha

PS: Es gibt eine Neuübersetzung, Pölle machte mich drarauf aufmerksam:

bookmark_borderDie Götterwelt des Schwarzen Auges und der Gott der Christenheit

Was wäre eigentlich, wenn ich einen Gott hätte, der sichtbar und nachweisbar Einfluss auf die Geschehnisse der Geschichte nimmt? Quasi als göttliche Intervention?
Ich selbst spiele passioniert „Das Schwarze Auge“ (übrigens auch auf meinem eigenen YouTube-Kanal und dem Kanal eines Freundes). Gerade in Fantasy-RPGs ist es ja recht häufig, dass die Götter, die die Menschen verehren, sichtbar sind. Dass sie aktiv in den Weltenlauf eingreifen. Dass sie ja sogar ihre Priester mit eigener karmaler Magie ausstatten.
Wie wäre es eigentlich, wenn wir Christen einen solchen Gott hätten?
Manchmal wünsche ich mir das. Dass alle Zweifel ausgeräumt sind. Dass Gott auf jeden Fall, nachgewiesenermaßen, existiert. Dass er aktiv in die Welt eingreift, für alle sichtbare Wunder vollbringt, die keinen Raum mehr für Widerspruch lassen: Dieser Gott ist da!
Denn leider bin ich mir nicht immer 100%ig sicher im Glauben. Leider muss ich manchmal zweifeln, wenn ich Nachrichten schaue, und sehe, wie etwa der Amazonas in Flammen steht.
Ein Gott, so wie ihn die Charaktere im Rollenspiel haben, bewiesen und Teil unserer Welt. Das würde da Sicherheit schaffen.
Aber zu welchem Preis? Das wird auf den zweiten Blick deutlich.
Die Götter in Aventurien sind nämlich selbst sehr menschlich, sehr begrenzt. Ihr Wirken ist einklagbar. „Warum hast du an der und der Stelle denn nicht eingegriffen?! Du machst das doch sonst auch!“ Die Götter Aventuriens sind launisch. Manchmal tun sie etwas, und manchmal eben nicht. Und sie bekämpfen sich gegenseitig, tricksen sich gegenseitig aus. Dafür benutzen sie die Menschen. Sie benutzen die schwächeren Menschen für ihre eigenen kleinlichen Fehden und Intrigen. Und die Menschen sind dem ausgeliefert. Denn obwohl ja nicht allmächtig, sind die Götter dennoch absolut übermächtig. Das macht die Menschen zu Sklaven.
Die Götter Aventuriens und auch der meisten anderen Fantasy-Welten sind nicht allmächtig und nicht verborgen. Es besteht ein großer Unterschied zwischen ihnen und dem Gott der Christenheit. Sie sind selbst Teil des Kosmos, in dem sie leben. Und damit auch seinen Regeln unterworfen, die nun einmal auch bedeuten, dass sich jemand Macht ergaunern kann, wenn er oder sie skrupellos genug ist.
Gott aber agiert ganz anders. Er überragt genau diese Machtstrategien und kann so eine ganz andere Form des Lebens ermöglichen. Eine friedvolle, gemeinschaftliche und erfüllte Existenz, die mit dem Versprechen endet, dass es nach dieser Welt nicht nur weitergeht, sondern noch um ein Unendliches besser wird.
Paulus sagt, als Mensch kann man niemals frei sein. Entweder man untersteht den Götzen – und damit meint er alle möglichen Götter, die eigentlich selbst Teil dieser Welt sind. Oder man untersteht Gott selbst, der größer ist als diese Welt und der uns einen Korridor zu wirklichem Frieden geebnet hat. Das nennt sich dann die christliche Freiheit.


Felix Klemme, Pfarrer in einer Einzelpfarrstelle in einem Vorort von Paderborn, ist 33 Jahre alt und begeistert von Science Fiction in jeglichen Formen, sowie dem Pen and Paper-Rollenspiel Das Schwarze Auge (DSA). Er streamt auf seinem YouTube-Kanal (PoelleRPG) gerade die größte Kampagne dieses Rollenspiels und liebt es, Geschichten mitzuerleben und zu erzählen.