bookmark_borderRichtig gute Geschichten

Durch Zufall habe ich das Theaterstück „Harry Potter und das verwunschene Kind“ in die Hände bekommen und gleich durchgelesen. Ein tolles Erlebnis, mal wieder ein Theaterstück zu lesen und Harry Potter ist … – Harry Potter eben.
„Harry Potter und das verwunschene Kind“ ist kein Stück von J. K. Rowling alleine; nicht zuletzt Jack Thorne und John Tiffany haben da einiges mitgeschrieben. Ein Theaterstück zu lesen ist anders als ein Buch zu lesen. Es ist ein ganz anderes Medium … aber mich hat es in diesem Fall gepackt. Ich war wieder in der Welt von Harry, Hermine, Ron, Dumbledore ….

Richtig gute Geschichten gehören nicht ihrem Autor, richtig gute Geschichten werden von anderen Menschen auf verschiedenste Art und Weise weitererzählt. Ich frage mich, ob ich mich das bei den Geschichten der Bibel genug traue.
Die Geschichte von Gott und den Menschen ist doch eine richtig gute Geschichte – bzw. mehr als das. Aber traue ich mich, diese Geschichte einfach so weiterzuspinnen? Eine Geschichte von Jesus, die über die Geschichten der Bibel hinausgeht?
Es gibt erste (zum Teil sehr alte) Ansätze und Versuche in diese Richtung, aber so richtig groß und erfolgreich in der Mitte der Kirche? Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir die erst erzählte und dann aufgeschriebene Geschichte von Gott und den Menschen mit unseren neuen Medien weitererzählen …

David, Pfarrer, LARPer, Analog-NERD | Twitter: @Raasch_David

bookmark_borderGeister und Gespenster!

Vielleicht kennt ihr ja die Geschichten um Peter Grant, Londoner Police Constable und Lehrling der Magie (Buchreihe „Die Flüsse von London“ von Ben Aaronovich). Urban Fantasy angereichert mit Kriminalflair und jeder Menge Sarkasmus. Quasi ein erwachsener Harry Potter.
In diesen Geschichten tauchen immer wieder Geister in verschiedenen Formen und Intensitäten auf. Besonders interessant: Peter kommt systematisch dem auf die Spur, was diese Geister wirklich sind. Es handelt sich bei ihnen um Fetzen der Persönlichkeit von Gestorbenen, die durch die Magie in der Welt – einer Art (Lebens-)Energie – weiter befeuert werden und dadurch noch auf der Erde sichtbar und hörbar sind. Also quasi durch Magie angetriebene Reste des Bewusstseins.
Ich habe angefangen mich zu fragen, wie viel Wahres vielleicht darin stecken könnte. Ob es wirklich sein kann, dass durch eine objektive Lebenskraft Teile unserer Persönlichkeiten auch nach unserem Tod auf der Erde „herumspuken“ könnten. Wenn ich jemanden segne oder Segen erhalte, dann spüre ich ja auch irgendwie eine Art Kraftübertragung. Der Theologe Manfred Josuttis nimmt diese Segenskraft nach Paulus (Röm 1,15f.) als „die Kraft des Evangeliums“ absolut wörtlich und meint damit die schöpferische Kraft Gottes, die so ein bisschen wie Magie als unsichtbare Ströme in der Welt existiert. Diese Kraft befeuert unsere Persönlichkeit, macht uns kreativ (was übersetzt ja auch „schöpferisch“ bedeutet). Diese Kraft ist der Ursprung von Leben und allem, was ihm dient, es befeuert. Jesus war so voll von dieser Lebenskraft, dass er selbst „zaubern“ konnte, Wunder vollbracht hat. Er hatte einen Überfluss von Lebenskraft, ja sogar Zugang zur Quelle, mit der er heilen konnte und Dinge tun, die dem Leben dienen. Seine Einblicke in diese Lebenskraft haben ihn Dinge gelehrt, die er uns weitergegeben hat. So kommen wir durch Jesus eben auch an diese Kraft heran.

Also zurück zum Ausgang: Wenn es diese Kraft gibt, kann sie nicht vielleicht sogar Teile unserer Persönlichkeit nach unserem Tod auf dieser Erde weiter befeuern? Geister bilden?
Ich sage dazu nach reiflicher Überlegung ein entschiedenes Jein! Denn das Ganze hat zwei Seiten.
Auf der einen Seite gibt es nichts, was von unserer Persönlichkeit – man könnte es auch „unsterbliche Seele“ nennen, wenn man möchte – nach dem Tod hier zurückbleibt. Den Körper lassen wir zurück. Den vergänglichen Teil unserer Existenz. Den Teil von uns, der zu dieser Erde gehört, die wir durch unseren Tod ja aber gerade verlassen.
Die Persönlichkeit ist da von einer anderen Qualität. Sie ist es ja, die unsere Beziehung zu Gott ausmacht. Sie wird zu ihm gehen. Wird unsere Körper überleben und entweder jetzt schon im Himmelreich* oder am Ende des Zeitenlaufs auf der neuen Erde mit Gott gemeinsam die ewige Hochzeit feiern.
Auf der anderen Seite bleibt ein Teil von uns ja durchaus auch auf der Erde zurück. Die Lebenskraft, die wir während unseres Lebens in diese Welt gesteckt haben. Was wir „gezaubert“ haben. Die Menschen, die wir zurücklassen, werden sich an uns erinnern, uns vermissen. Da sind Dinge, die wir geschaffen haben – als Kind ein Bild für die Eltern gemalt, das seitdem immer am Kühlschrank hängt. Als Erwachsener vielleicht sogar ein Lied für die Frau geschrieben, an die ich mein Herz verloren habe. Begebenheiten, die wir geprägt haben: Freizeiten mitbetreut, Aktionen mitgestaltet, Menschen begegnet und geholfen. Das ist unser Vermächtnis, wenn man es so sagen möchte. Das ist die Lebenskraft, die wir geformt und in die Welt entlassen haben. Unsere Magie. Das sind Fragmente unserer Persönlichkeit, die einen Stempelabdruck in dieser Welt hinterlassen haben. Unsere Kreationen, unser schöpferisches Wirken. An Kultur, oder an anderen Menschen. Das sind die Geister, die wir auf die Welt loslassen. Und die bleiben werden, wenn wir eines Tages den nächsten Schritt gegangen sind. Hinein in eine andere Welt, die vollkommen übersättigt sein wird von dieser Magie. So sehr, dass sie übergeflossen ist in unsere Welt.

Felix Klemme, Pfarrer in einer Einzelpfarrstelle in einem Vorort von Paderborn, ist 33 Jahre alt und begeistert von Science Fiction in jeglichen Formen, sowie dem Pen and Paper-Rollenspiel Das Schwarze Auge (DSA). Er streamt auf seinem YouTube-Kanal (PoelleRPG) gerade die größte Kampagne dieses Rollenspiels und liebt es, Geschichten mitzuerleben und zu erzählen.
https://twitter.com/Poeletto

bookmark_borderAuch NERDS brauchen Zukunft – 20.9. Generalstreik für Klimaschutzpolitik

Ich habe Tobi wiedergetroffen. Tobi, einen meiner aktivsten Mitarbeiter in der evangelischen Jugend in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends. Auf Jugendfreizeiten schmiss er die Küche für 40 Personen.
Chef Nerd, der Tobi! Bei LAN-Partys hatte er den Nickname „Teletobi“. Für sein erstes LARP hat er sich ein Polster-Bat’leth gebaut. Er hat Physik studiert, am CERN geforscht und meinen kleinen Nerd-Horizont weit überschritten. Problemlos hätte er einen der Wissenschaftler in „Bigbang-Theorie“ vertreten können und wäre dabei deutlich weniger „akward“ gewesen. Evangelische Jugend halt.
Wir haben uns nie so ganz aus den Augen verloren, waren bei unseren Hochzeiten gegenseitig Gäste und haben uns immer wieder mal auf Geburtstagspartys gesehen. Irgendwann werde ich vielleicht seine Kinder taufen dürfen wenn die einverstanden sind.
Als ich ihn letztens wieder getroffen habe, hat er mich eingeladen noch in seiner Firma ’nen Kaffee zu trinken. Ich wurde den anderen Mitarbeitenden vorgestellt als die Frau von der Gemeinde, die LAN-Partys organisiert und hatte damit den benötigten Eintrittspass um in „Nerd-Central“ in der Küche sitzen und mitquatschen zu dürfen.
Es ist gut, dass wir einander getroffen haben, denn wir arbeiten an einem gemeinsamen Ziel. Das erklärt er in einem Artikel, den er für unseren Gemeindebrief geschrieben hat. Den will ich euch nicht vorenthalten.

„Hey Tobi, was machst du denn hier?“
Die Verwirrung war mir noch ins Gesicht geschrieben, als ich mich umdrehte um eine Freundin wiederzusehen. Aber in einer ganz anderen Situation als früher.
Natascha Luther hat mit uns Freizeiten veranstaltet, Computerspiele gespielt und Gemeindefeste auf- und abgebaut. Am 24. Mai habe ich sie mal wieder getroffen. Vorm RWE Tower in Dortmund, in einem Zug von über 6.000 Menschen, die größtenteils viel jünger waren als wir beide. Bei Fridays for Future.
Ja klar, Natascha hat sich schon immer für Nachhaltigkeit engagiert. Im christlichen Sinne, aber oft auch weit darüber hinaus. Das hat mich manchmal genervt und manchmal habe ich es bewundert. Aber warum war ich eigentlich da?

In der Zwischenzeit war einiges passiert. Die gemeinsamen Spieleabende in der Gemeinde und die enge Bindung an Paul-Gerhardt lagen in den frühen 2000er Jahren. Der Klimaschutz hatte mit dem Kyoto-Protokoll einen Meilenstein zu verbuchen und der 11. September erschien uns als die größte Herausforderung unserer Zeit. Heute blicke ich zurück auf Studium, Bankenkrise, Forschung und die Gründung einer Familie und mir erschien so vieles wichtiger. In Paris hatte die Welt doch endlich beschlossen, der Klimakrise entschieden entgegenzutreten.
Bis eine junge Schwedin freitags ihren Unterricht bestreikte und in der Folge Schülerinnen und Schüler auf der ganzen Welt. Es wurde klar: Seit dem Kyoto-Protokoll 1998 haben die Industriestaaten dieser Erde den Raubbau an unserer Zukunft ungebremst, ja sogar intensiver als vorher fortgesetzt. Und ehrlich gesagt, macht mir das Angst.
Im März diesen Jahres haben führende Klimaforscher und Klimaforscherinnen in Deutschland alle Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gebeten, die Schülerinnen und Schüler zu unterstützen. Denn die Fridays for Future-Bewegung hat etwas geschafft, was die Wissenschaft vorher vergeblich versucht hat. Eine der größten Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu bringen.

Diese Herausforderung ist nicht mehr und nicht weniger als der Kampf um die Welt, wie wir sie kennen. Wohlstand, Natur, Kultur. Aber vor allem der um die Fähigkeit unseres Planeten, genug Nahrung für alle Lebewesen, die auf ihm wohnen, bereitzustellen.
Seit Mai bin ich nun mit vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern aus der Wissenschaft mit den Scientists 4 Future dabei, diesen Kampf anzunehmen. Und so habe ich Natascha wiedergetroffen.
Jeder von uns hat tausende Fragen zu diesem Thema, aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Betrifft mich das überhaupt? Wie schlimm wird es denn?
Kann ich als Einzelner etwas tun?
Kann Deutschland überhaupt etwas tun?
Ich habe mich in den letzten Monaten viel mit Zahlen beschäftigt, mit Politikern und mit Expertinnen gesprochen, Daten ausgewertet und Prognosen angesehen.
Und eigentlich erscheint mir alles ganz einfach: Wenn ich meinen Kindern ein Leben ermöglichen möchte, das nur im Ansatz so frei von Not ist, wie meines bisher war, dann hat das nichts zu tun mit individuellem Wohlstand. Es geht nur um die Frage, ob wir politisch und gesellschaftlich in der Lage sind unsere Lebensweise so anzupassen, dass unsere Erde sich nicht weiter aufheizt, denn das tut sie im Moment. Immer weiter und immer weiter und wir Menschen in den reichen Ländern dieser Welt tragen die fast alleinige Verantwortung dafür.
Am 20.09. ruft Fridays for Future zum nächsten „globalen Klimastreik“ auf. Die Schüler brauchen an diesem Tag die Unterstützung aus der ganzen Gesellschaft. Wir alle müssen auf die Straße zu gehen um zu zeigen, dass wir bereit sind etwas zu ändern und dass wir mit Mut in die Zukunft gehen. Der vergangene Kirchentag hatte die Losung „Was für ein Vertrauen“. Die Jugend ruft uns Eltern und Großeltern dazu auf, ihrem Vertrauen in uns gerecht zu werden. Nur mit uns kann das verändert werden, was verändert werden muss. Packen wir‘s an.