bookmark_borderRitualtheoretische Anmerkungen zum Rollenspiel

21.6. | 13.30Uhr | the_nerdchurch

Ritualtheoretische Anmerkungen zum Rollenspiel
„Beschwören, Zeitreisen und Monster töten“

Lisa Wevelsiep, Master of Arts Religionswissenschaft, Doktorandin, Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES)

Wenn sich Menschen für ein Liverollenspiel in die Gewandung von Hexen, Untoten oder Fabelwesen „werfen“, und im Rahmen des Spiels Ungeheuer bezwingen und Rituale durchführen, sehen es viele Außenstehende als ein Spiel. Religionswissenschaftliche Ritualtheorien betonen, dass solche rituellen Handlungen eine transformative Kraft aufweisen, welche die Beteiligten von einem Zustand in einen anderen versetzt. Inwiefern trifft das auch auf das Rollenspiel zu? Gibt es Folgen, die über das Spiel hinausgehen?

bookmark_borderVon Raketen und dem Auffahren in den Himmel

Himmelfahrt – Der Name dieses Tages leitet natürlich schnell in die Irre. Kinder haben ein richtig intuitives Gespür für solche falschen Begrifflichkeiten. Mein kleiner Sohn war ca. 4 Jahre alt und fragte beim Frühstück an einem Himmelfahrtstag: „Papa, ist Jesus mit einer Rakete in den Himmel geflogen? Fliegst du da jetzt auch mit einer Rakete hin?“ Der Kirchraum meiner damaligen Kirche als Raketenabschussrampe …?! Das damalige Versprechen meines Bleibens auf Erden fand er gut – damals. Nachdem er mich später des Öfteren in Auseinandersetzungen wissen ließ, dass er mich „… am liebsten auf den Mond schießen würde“, sagte ich ihm jedes Mal: „Das Problem hatten wir doch schon mal … und ich gab dir mein Versprechen zu bleiben“. Komisch, das empfand er dann nicht als so prickelnd (in der angespannten Situation).
Die englische Unterscheidung zwischen „heaven“ und „sky“ macht deutlich, dass es bei dem Himmelfahrtstag nicht um den bewölkten „Himmel“ (= sky) geht, sondern darum, wie „himmlisch“ es auf Erden werden kann, wenn jener „Himmel“ (= heaven) über Menschen „aufgeht“, die plötzlich spüren, Gott ist nicht mehr länger „da oben“, sondern ist der heruntergekommene Gott.
Um das „Bleiben“ geht es gewiss – nicht um‘s Abheben an Himmelfahrt. Ich möchte der Erde treu bleiben – und das gerade wegen Himmelfahrt!
Volker, bekennender Nicht-Nerd

bookmark_borderSchlachte deinen einzigen Sohn, den du lieb hast!

21.6. | 9.30Uhr | the_nerchurch
Film-Bibelarbeit zu 1. Mose 22, 1-9
Das „Dochnichtopfer“ in „Harry Potter“, „Das Tochteropfer“ in „Arrival“ und das „Selbstopfer“ in „Blade Runner 2049“,

PD Dr. Inge Kirsner, Tübingen

Schlachte deinen einzigen Sohn, den du lieb hast!
Was für ein Befehl! Der Bibel zufolge ist Abraham bereit dazu, Gott zu gehorchen. Er muss es schließlich nicht tun – anders als Steven Murphy, der in Lanthimos‘ Film „Killing of a Sacred Deer“ den Sohn opfern muss, damit die restliche Familie überlebt. Snape ist in „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ entsetzt, als er erfährt, dass Dumbledore seinen Ziehsohn Harry „wie ein Schwein zum Schlachten“ führen will – der Kampf gegen das Böse erfordere dies. In „Arrival“ (Denis Villeneuve, USA 2017) geht es um eine Tochter, deren Schicksal schon besiegelt ist, bevor sie das Licht der Welt erblickt – die Filmgeschichte ist voller Kinderopfer, und die Filmbibelarbeit zu 1. Mose 22, 1-9 wird einige davon theologisch beleuchten.

Ev. Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde | Markgrafenstr. 123

Photo by Philipp Pilz on Unsplash @buchstabenhausen

bookmark_borderVon Starcraft und den Vögeln unter dem Himmel

Starcraft 1 oder 2 zocken, bei LAN Partys, in der Gemeinde, mit Jugendlichen, immer wieder gut. Bei uns wurde nie ernsthaft E-Sport betrieben, sodass eine Runde auch mal ein bisschen länger dauern kann.
Drei Weltraumrassen bekämpfen sich bei Starcraft: Die Zerg, die Protos und die Terraner und sie prügeln sich um gerade mal zwei Arten von Ressourcen. Zum Thema Toleranz ist Starcraft in der LAN-Party Version unergiebig, die Spieler bestimmen einfach durch das Setzen von Häkchen, wer mit wem in einer Fraktion spielt und da ist es völlig egal, welche der drei Weltraumrassen im Spiel sind.
Aber die Rohstoffe Vespingas und Mineralien, aus denen bei Starcraft alles gebaut wird, was man für das Spiel braucht – alles, um den Krieg zu gewinnen – sind endlich. Im Gegensatz zu anderen Aufbaustrategiespielen wächst bei Starcraft nichts nach. Wer die Karte programmiert legt fest, wo es Ressourcen gibt und wie viele. Wenn nicht-trainierte Leute Starcraft spielen, kann es auch schon mal passieren, dass einem die Rohstoffe ausgehen.
Am Ende bleibt einem gar nichts anderes übrig, als einander anzugreifen. Selbst die aufbauverliebtesten Spieler kommen irgendwann an den Punkt, dass es ihnen an etwas mangelt.
Also ist es von Anfang an das Allerwichtigste so schnell wie möglich Rohstoffe abzubauen und sich weitere Quellen zu sichern bevor die anderen dorthin gelangen.
Wenn so eine Runde Starcraft von jemandem gewonnen wurde, kann man alleine weiterspielen, auch noch die restlichen Rohstoffe einsammeln, aber man kann sie nicht ins nächste Spiel mitnehmen.
Manchmal frage ich mich, ob wir verstanden haben, dass die reale Welt deutlich komplexer ist und nicht jederzeit ein neues Spiel gestartet werden kann.
„Schaut die Vögel an. Sie müssen weder säen noch ernten noch Vorräte ansammeln, denn euer himmlischer Vater sorgt für sie“, sagt Jesus in Mat. 6,26. Sehr ausführlich versucht er dann seinen Zuhörern klar zu machen, dass dieses „Ressourcen sammeln“ im realen Leben ziemlich sinnlos ist.
Inzwischen sind wir Menschen soweit, dass unser Wettlauf nach Rohstoffen droht, unser aller Lebensraum unwiederbringlich zu zerstören. Wir schaffen es noch, die Karte komplett leerzusammeln.
Dass Starcraft so viel Spaß macht, liegt daran, dass es uns Menschen liegt, zu sammeln und anzuhäufen und aufzubauen. Aber was ist das Ziel? Während es bei einem simplen Spiel wie Starcraft sinnvoll ist, möglichst schnell möglichst viel an mich zu raffen, um den Gegner möglichst schnell besiegen zu können, habe ich im realen Leben doch auch noch wichtigere Bedürfnisse.
„Geh nicht durchs Leben, als sei es ein Spiel, in dem es Gewinner und Verlierer gibt, versuche gar nicht erst, dich durch das Anhäufen von Ressourcen gegen alle Eventualitäten des Lebens abzusichern“, sagt Jesus, „hab Gottvertrauen!“.
„Was für ein Vertrauen“ ist auch das diesjährige Kirchentagsmotto. In unserer the_nerdchurch am Freitag, den 21.6. wollen wir uns in den Tageszeitengebeten auf nerdige Weise mit dem Vertrauen in Gott beschäftigen.

bookmark_borderWo fließt der Strom?

Unsere handgeschriebene Bibel, eigentlich ein ganz schön nerdiges Projekt für die ganze Gemeinde.

Damals, in den 80-ern, als ich Jugendliche war, da gab es den Begriff „NERD“ im deutschen Sprachgebrauch noch nicht; da war ich ganz schön allein mit meiner Begeisterung für eine uralte Fernsehserie namens „Raumschiff Enterprise“ aus den 60-ern, einer Filmreihe aus den 70-ern, die „Krieg der Sterne“ hieß, und ein Buch aus den 50-ern, das den Titel „Der Herr der Ringe“ trug. Als ich mit etwa 17 über die kirchliche Jugendarbeit ein paar Jungs kennenlernte, die ein Spiel namens „D&D“ spielten öffnete sich mir ein Tor, an dem ich gefühlt schon seit Jahren gekratzt hatte, und eine neue Welt tat sich auf. Als ich 22 war, gab es auf der Spielemesse tatsächlich zwei Stände, die das Live-Rollenspiel vorstellten, und einen Vortrag darüber, wie man sich das vorzustellen hatte.
Inzwischen hatte ich auch mehr Leute kennengelernt, die sich für Fantasy, Sience-Fiction und Rollenspiel begeisterten. Wir waren eine kleine Randgruppe abseits des Mainstreams. Viele von uns waren auch kirchlich engagiert. Thematisiert wurde unser Hobby wenig. Zu viel Unverständnis und auch Besorgtheit um unser Seelenheil wurde uns da entgegengebracht. Der D&D spielende Kindergottesdienst-Helfer war vermutlich gar nicht so selten, aber immer „undercover“. Nicht selten waren es die Vertreter der Kirche, mit denen wir uns auseinandersetzen mussten, weil sie Spiel und Realität nicht unterscheiden konnten, weil sie nicht verstanden haben, dass wir das hervorragend trennen konnten.
Das erste Mal wirklich begriffen, dass ich mit meinen Vorlieben nach und nach mehr und mehr in den Hauptstrom gedriftet bin, habe ich, als ich im Sommer 2015 das neue Pokémon-Go spielend auf einer Treppe in einer großen Stadt saß und um mich herum wirklich hunderte andere Menschen wahrnahm, die das Gleiche taten, ganz normale Menschen. Kein eingeschworenes Grüppchen, das sich zu einem seltsamen Zeitvertreib traf. Viele.

Natürlich hätte ich diese Erkenntnis schon haben können, als Star Trek. Next-Generation ins Fernsehen kam oder spätestens mit den neuen Star-Wars-Filmen. Aber der Wechsel von der Randgruppe zum Mainstream wurde mir erst zwischen all diesen Menschen deutlich. Natürlich bin ich immer noch anders. Als ich ein paar Monate später immer noch Pokémon-Go spielte und eine Kollegin ganz verständnislos sagte: „Aber das ist doch schon vorbei.“ war ich geradezu erleichtert. Doch, es gibt auch noch die kleine nerdige Welt, die ich so lieben gelernt habe, sie hat sich nicht brausetablettengleich im großen Mainstream aufgelöst. Aber zumindest sind  Science-Fiction, Fantasy und Co inzwischen so normal und mainstreamig, dass ich nicht mehr andauernd begründen muss, warum ich mit unseren Jugendlichen LARPs organisiere und besuche, dass ich den Mädels beim Nähen von Cosplay-Klamotten helfe, dass wir LAN-Partys feiern und Pokémon-Go spielen gehen im Park.
Beim letzten Krippenspiel haben wir uns dann endgültig  geoutet. Mit einer Zeitmaschine ging die Reise zur Geburt Jesu. Und es gab nicht nur keine irritierten Rückfragen oder Beschwerden, im Gegenteil, wir haben sogar wirklich positive Rückmeldungen bekommen.
Auch, dass unsere Kirche Veranstaltungsort für the-nerdchurch sein darf, zeigt mir, dass sich viel getan hat in den letzten Jahren.  
Im Mainstream will ich gar nicht unbedingt sein, der verändert mir ohnehin zu oft seinen Lauf. Aber dass meine Kirchentür für mich offen ist, so wie ich bin, dass ich nicht einen Teil von mir draußen lassen muss, um willkommen zu sein, das ist wunderschön.
NL

bookmark_borderAus großer Macht folgt große Verantwortung

„Aus großer Macht folgt große Verantwortung.“ (Ben Parker zu Peter Parker alias Spiderman)
„Macht korrumpiert. Absolute Macht korrumpiert absolut.“ (Ausspruch der Bene Gesserit, Dune)
„Nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts“ (Epheser 5,8)

Immer wieder die gleiche Situation: Jemand entdeckt, dass er/sie besondere Fähigkeiten hat, und muss lernen damit umzugehen. Besondere Fähigkeiten, besondere Kräfte sind eben nicht nur Geschenk, sondern auch Verpflichtung.
Wenn ich so etwas bei Helden sehe, bzw. davon lese, dann ist mir das direkt einleuchtend. Natürlich muss jemand mit den Kräften von Spiderman aufpassen, dass er sie nicht missbraucht. Natürlich müssen die unsterblichen Bene Gesserit aufpassen, dass die Menschheit nicht in Selbstzerstörung untergeht.
Genauso natürlich erscheint es mir, dass es eben doch immer mal wieder passiert, dass ein Missbrauch stattfindet. Ganze Filmreihen (Star Wars!) handeln letztlich nur davon, dass Menschen lernen, mit ihren besonderen Fähigkeiten verantwortungsvoll umzugehen und nicht „zur dunklen Seite der Macht“ überzulaufen.

Bin ich als Christ denn ein Superheld? Muss ich mich mit dem gleichen Thema rumschlagen? Ich befürchte schon. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich als gläubiger Mensch besondere Kräfte habe: Ich kann glauben, ich kann verzeihen, ich kann beten, ich habe eine Idee davon, was richtig und falsch ist …
Das erscheint jetzt vielleicht nicht als große Superkraft, aber es geht auch in den Filmen nicht wirklich um Superkräfte. Es geht darum, mit den Dingen, die man beeinflussen kann, verantwortungsvoll umzugehen. Egal ob man schlicht groß ist und deswegen vielleicht körperlich im Vorteil ist oder ob man gut darin ist Witze zu machen. Egal ob man einen einzelnen Menschen umsorgt oder ein ganzes Land regiert. Ich kann überall mit Tun und Lassen Gutes und Schlechtes bewirken …
„Aus großer Macht folgt große Verantwortung.“ – „Macht korrumpiert. Absolute Macht korrumpiert absolut.“ – „Nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts“ (Epheser 5,8)

PS: Gerade eben lese ich, dass der „Fridays-for-future-Aktivist“ Ferdinand Klemm in der Hauptversammlung von BMW mit dem Ausspruch „„Aus großer Macht folgt große Verantwortung.“ für Furore gesorgt hat
DR

bookmark_borderUnsere Kirche ist ein Pokestop

Wie wird eine kleine Kirche Spielort für ein weltweit gespieltes und in Japan entwickeltes Handyspiel? Bevor Pokémon-Go auf den Markt kam, gab es das Spiel Ingress, bei dem die Spieler auch schon mit dem Handy unterwegs sein mussten, um zu bestimmten Orten zu gelangen. Diese Orte sollten Sehenswürdigkeiten und historische Orte sein, aber auch mal öffentliche Gebäude. Das Coole war: Den Standort der Portale haben in der Anfangszeit von Ingress die Spieler selbst durch das Hochladen von Fotos und Ortsangaben  bestimmt. Die Spielerfinder  haben dieses Datenmaterial dann verarbeitet, gefiltert (keine Portale auf Autobahnkreuzen etc.) und angereichert. Es diente als Grundlage für Pokémon Go.
Ab November 2012 haben Leute angefangen Ingres zu spielen und sie haben zum Beispiel unsere Paul-Gerhardt- Kirche als Sehenswürdigkeit eingestuft und darum als Spielort vorgeschlagen. „Ist ja klar“ möchte man meinen,“ ist ja schließlich eine Kirche“, historischer Ort und so. Aber gemach. Eine mittelalterliche Kirche in der Dortmunder Innenstadt, die Marienkirche, beispielsweise, hat keinen Pokestop abbekommen. Stattdessen ist ein bemalter Stromkasten in der Nähe zu einer Sehenswürdigkeit gekürt worden. Von den japanischen Spielerfindern hat sich niemand die Mühe gemacht im Städtchen Dortmund nachzugucken, was denn da jetzt die wichtigen Sehenswürdigkeiten sind, man hat sich auf die Spieler verlassen. Hier in unserem Viertel wird die Kirche anscheinend von spielenden Leuten als wichtiger Ort wahrgenommen, wichtig genug um ein Ingress-Portal zu werden.

Enton vor der Kirche

Als ich unsere Gemeindesekretärin fragte, ob sie denn merken würde, dass nun mehr Leute mit Handy in der Hand vor der Kirche stehen bleiben, erzählte sie mir, dass sie gedacht hatte, dass diese Leute nach dem Geocache suchen, der auf unserem Gelände versteckt ist. Ganz schön was los hier. Die Kirche wird wahrgenommen. Als Bauwerk, als historischer Ort, als Denkmal, als Gotteshaus. Und wer sie noch nicht bemerkt hat, wird vielleicht aufmerksam beim Pokémon jagen, beim Geocaching, vielleicht demnächst auf der Jagd nach magischen Kreaturen, diesmal im Harry-Potter-Universum.

Als Pokémon-Go gerade frisch herausgekommen war, waren wir auf  der jährlichen Jugendfreizeit in einem kleinen Dorf am Rande des bayrischen Waldes. Drei Arenen, fünf Pokestops, der abendliche Spaziergang mit allen, die Pokémon-Go spielten, um alles abzugehen war Ritual auf dieser Freizeit. Ein Pokestop war vor der evangelischen Kirche. Vor der  saßen wir morgens auf Campingstühlen mit der ersten Tasse Kaffee, irgendwer hatte ein Lockmodul gestiftet und alle fingen Pokémon. Bei der Gelegenheit entdeckten unsere Teilnehmer auch die Kirche, fragten, ob sie zu besuchen sei, ganz freiwillig.  Ich trieb die Küsterin auf, bekam einfach den Schlüssel und die Jugendlichen konnten die Kirche erkunden, dabei hatte keiner ein Handy in der Hand, die Kirche hatte selbst eine spannende Geschichte zu erzählen.

Für uns Christen sind die Gotteshäuser als Versinnbildlichung wichtig, dass Gott mitten unter uns wohnt. Damit wird es fassbar. Aber Steine und Holz nehmen auch Platz weg und prägen Straßen und Stadtbilder. Umso besser also, wenn hier auch zu nicht gottesdienstlicher Zeit was los ist. Wenn Leute die Bank vor der Kirche nutzen, wenn Leute die Kirche optisch und emotional so sehr warnehmen, dass sie sie in Spielrealitäten mitnehmen möchten.

Vom 4.-7.  Juli findet in Dormund das zweite Pokémon-Go-Fest statt. Ich freue mich darauf , und mal gucken, vielleicht finde ich ja ein paar Leute, die für erschöpfte Pokémon-Jäger Kaffee anbieten und die Kirche öffnen, um mal reinzugucken in den Pokestop.

Und wann kommt eigentlich endlich „Wizards Unite“ raus? Ich bin gespannt, was die Kirche in diesem Paralleluniversum sein wird.

NL

bookmark_borderVom Spielen und Richten

Ich schlüpfe gern in Rollen. Dann spiele ich jemand anderen, jemanden, der größer, stärker, verrückter oder wundersam ist. Aber ebenso gern kehre ich in mein eigenes Leben zurück. Ich habe keine Angst, zu überzeugend zu spielen. Ich weiß, wer ich bin. Wenn andere mich mit meiner Rolle gleichsetzen, haben sie etwas falsch verstanden, vergessen, dass nichts davon wirklich ist.
Wie können Leute auf die Idee kommen, dass wer im Rollen- oder Computerspiel jemanden spielt, der zaubern kann, sich der Zauberei „schuldig“ macht? Wie könne Christen auf die Idee kommen, dass das Lesen von Romanen, in denen es um Zauberei geht schon eine Hinwendung zur Zauberei sei?  Wer solche Vorwürfe  vorbringt sagt damit viel über sich selber aber nichts über Leser oder Rollenspieler oder Computerspieler. Heute, auch noch im 21. Jahrhundert gibt es Bücherverbrennungen. Christen werfen Bücher von „Harry Potter“ bis „Sakrileg“ auf den Scheiterhaufen.
Und wie schon immer bei Hexenverbrennungen liegt das nicht an der Schuld der Verbrannten sondern an der Unfähigkeit derjenigen, die verbrennen über ihre eigene Wirklichkeit hinaus zu sehen. In der Bergpredigt sagt Jesu: „Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet“.
Ein liebevolles Auge auf Deinen Nächsten zu haben, mitzukriegen, wenn er oder sie sich in der Welt der Fantasy verliert…
Ein offenes Ohr für Deinen Nächsten zu haben, zu merken, wenn das Spiel plötzlich wichtiger wird als die Wirklichkeit das ist meine Aufgabe.
Wenn Dein Kumpel außer Schlafen und Essen nur noch WoW im Kopf hat braucht er vielleicht Hilfe, wieder aus der Gefangenschaft zurück ins Leben zu kommen.
Ich kann Hilfe anbieten aber es steht mir nicht zu, zu beurteilen, zu verurteilen, zu richten.
Ist es Hobby, schöne Leidenschaft, Freizeitbeschäftigung oder hat mich da etwas im Griff? Es schadet nichts, sich selber immer mal wieder zu fragen.

bookmark_borderEin nerdiges Projekt zum Jubiläumsjahr 2016

Nie benutzt!

(gekürzte Version eines Gemeindebriefartikels 12/16)
Wenn Nerds sich einbringen …
Ich war ein Bettlaken. Ein Baumwollbettlaken von bester Qualität. Mit allmählich verstärkter Mitte! Jahrzehnte lang hätte man auf mir schlafen können. Gekauft wurde ich irgendwann in den 60-iger Jahren. Ich wurde erst einmal sorgfältig hinten im Schrank verstaut, nicht aus der Packung genommen. Lange lag ich da und wartete darauf, dass ich endlich benutzt würde; stattdessen sah ich in der Reihe vor mir Spannbettbezüge Einzug halten und kommen und gehen. Im Jahr 2015, im Frühjahr, wurde ich endlich aus dem Schrank geholt. Aber statt ausgepackt zu werden, wurde ich mit anderen Bettlaken und Bezügen zusammen in eine Plastiktüte gesteckt und aus dem Haus getragen. Wir fragten uns, ob wir wohl direkt auf die Müllkippe wandern würden, ohne je benutzt worden zu sein. Doch wir trafen mit mehr und mehr Bettwäsche von ähnlicher Qualität, alle nie oder kaum benutzt, zusammen. Gemeinsam wurden wir in einen Kofferraum gestapelt und in die Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde in Dortmund gebracht, wo wir uns mit wirklich vielen weiteren Stoffspenden trafen. Als Bettwäsche wollte uns niemand mehr haben.

Mit uns hatte man etwas ganz anderes vor. Nach und nach kamen Frauen und holten Stapel von uns ab und aus den Gesprächen, die sie führten, erfuhren wir, dass wir zu Kleidung werden sollten. Es war ein großes Jubiläumfest geplant, 500 Jahre Reformation, und für viele Veranstaltungen wollten die Menschen sich gerne in Kleidung gewanden, die in die Zeit passte. 500 Jahre waren wir zwar noch nicht alt, aber unsere gute Qualität und die allmählich verstärkte Mitte gaben uns den richtigen Look um Leinen zu ersetzen, dass viel zu teuer gewesen wäre um für bis zu 50 Leute Kleidung zu nähen. Viele von meinen Kumpels wurden von den Frauen zu Hemden für die Mitarbeiter verarbeitet. Die alten Vorhänge aus Baumwoll-Samt, die gemeinsam mit uns angekommen waren, wurden zu Mänteln und Herrenhüten. Die meisten von uns Bettlaken sollten zu Kleidern und Unterkleidern für Frauen werden. Aus den Resten entstanden Hauben und Mützen.
Einige von uns wurden erst einmal eingefärbt: grün, blau, rot trafen wir uns wieder. Für ein Kleid wurden zwei von uns zu einem weiten glockigen Rock verarbeitet. Ich war in einem dunklen Rotton eingefärbt worden und wurde zusammen mit einem Reststück von einem alten Vorhang für so ein Kleid verwendet.

Das war nun schon eine Menge Aufregung dafür, dass wir die letzten Jahrzehnte alle nur herumgelegen hatten, aber dann ging es erst richtig rund. Wir trafen uns alle wieder am 31. Oktober 2016 in der Petrikirche in Dortmund. Und dann hörte ich zusammen mit über 100 Konfirmandinnen und Konfirmanden zum ersten Mal die Geschichte von Martin Luther und seiner Frau Katharina. Ich erfuhr, was diese Reformation, von der alle redeten, eigentlich gewesen war und warum sie nun so groß gefeiert wurde.

Bettlaken und Vorhänge

Für das Jahr 2017 bekamen wir dann einen eigenen Kalender, im Internet sogar! Denn in Dortmund und Lünen waren viele kleine und große Veranstaltungen rund um das Thema Reformation organisiert und nicht selten wurden dazu einige von uns ausgeliehen, um auch optisch deutlich zu machen: Das alles ist jetzt schon 500 Jahre her.
Im März reisten wir nach Witten-Herbede. Rund um die Schöpfungskirche spielten Leute aus der Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde und aus Witten gemeinsam ein Szenario der Reformationszeit und dafür waren natürlich alle passend gewandet. Da konnte ich meine ersten Outdoor-Erfahrungen machen und roch hinterher kräftig nach Lagerfeuer. Aber zusammen mit einem Wollumhang hatte ich meine Frau Luther trotz der kalten Jahreszeit warm gehalten.

Ab Ende September ging es wirklich rund und meine Verleihkumpels sind kaum gewaschen, schon immer wieder unterwegs gewesen. Wir waren noch mal bei den Lutherspielen für Konfirmandinnen und Konfirmanden und diesmal waren über 300 Leute in der St. Petrikirche.
Am Tag des  großen Finale am 31. Oktober waren wir ganz schön gefragt. Vom „Mittelaltermarkt“  mit dem in St. Reinoldi die Reformation gefeiert wurde bis zum Luthermahl in Paul-Gerhardt mit Renaissance-Musikern und Gesinde des Lutherhaushaltes – wir haben sie alle bekleidet.

Das war ein wirklich schöner Tag für alle von uns und ein würdiger Abschluss für unsere Aufgabe.

Nun sind wir erst einmal auf den Dachboden des alten Pfarrhauses gezogen.
Aber da sollen sie nicht auf Dauer bleiben. Wir haben schon zu viele Jahre unbenutzt in Schränken herumgelegen und wir hatten so viel Spaß dabei, das Jubiläumsjahr noch ein bisschen bunter und anschaulicher zu machen. In Zukunft wird man meine Kumpels darum gegen eine kleine Leihgebühr und eine Wäsche ausleihen können.
Ich wandere jetzt erst einmal in den Kleiderschrank von meiner Frau Luther. Da bin ich in guter Gesellschaft. Neben den Empirekleidern und Fantasygewändern, die da schon hängen, wird es nicht langweilig, weil jeder spannende Geschichten zu erzählen hat – so wie ich jetzt auch!
Und im Sommer werde ich sicher auch einmal wieder mitgenommen, auf Mittelaltermärkte und Fantasy-Live-Rollenspiele. Etwas Besseres kann so einem alten Bettlaken doch kaum passieren.

Wer jetzt noch nicht genug hat findet den kompletten Artikel hier: https://paul-gerhardt-dortmund.ekvw.de/ Einblicke 4/2017

Die Kostüme sind nach wie vor ausgleichbar.

Die Lutherspiele werden auf dem DEKT 2019 noch einmal im Zentrum Jugend angeboten.
Ich möchte mich noch einmal ausdrücklich bedanken für alle Unterstützung, die ich bekommen habe: Stoffspenden, Näharbeit, waschen, bügeln, reparieren. Insbesondere Maike Brodde (Vorsitzende des Synodalverbands Dortmund der evangelischen Frauenhilfe e. V.), unsere Küsterin Sabine Burow und die Kreative Gemeinde haben dieses Projekt erst möglich gemacht.
Natascha Luther

bookmark_borderVon Game of Thrones, Bastarden und Christen

„Nimm einen Ratschlag von mir an, Bastard“, sagte Lennister. „Vergiss nie, was du bist, denn die Welt wird es ganz sicher nicht vergessen. Mach es zu deiner Stärke, dann kann es niemals deine Schwäche sein. Mach es zu deiner Rüstung, und man wird dich nie damit verletzen können.“
Das sagt Tyrion Lennister zu John, als die beiden in Winterfell das erste Mal aufeinander treffen. Diese Stelle ist jedes Mal ein Gänsehautmoment für mich. Sowohl als ich diese Worte das erste Mal las, als auch jedes Mal aufs Neue, wenn ich die erste Folge Game of Thrones sehe. Irgendwie nehme ich mir Tyrions Worte immer wieder aufs Neue zu Herzen. Für mein Nerdsein bedeutet das, dass ich mich nicht schäme, dass ich zwar alle bekannten Häuser Westeros plus Wappen und Stammbaum aufzählen, aber bei Gesprächen über das Britische Königshaus nicht mitreden kann. Oder dass mich Worte wie: „Die läuft dann verkleidet durch den Wald und kloppt sich mit anderen, die auch Gummischwerter haben. Das ist voll peinlich!“ nicht mehr verletzen können.

Denn ja, LARP ist ein Hobby von mir und es macht mich eher selbstsicherer, als dass man es mir als eine Schwäche vorwerfen könnte. Und dann machte unser Pfarrer mich auch noch darauf aufmerksam, dass es in der Bibel ein ähnliches Bild gibt: Im Epheserbrief steht geschrieben, dass die geistliche Waffenrüstung aus dem Gürtel der Wahrheit, Brustpanzer der Gerechtigkeit, Stiefel um einzutreten für das Evangelium, Schild des Glaubens, Helm des Heils und dem Schwert des Geistes besteht. Mein erster Gedanke war, dass diese Rüstung nach etwas klingt, dass einem Krieger aus einem beliebigen Rollenspiel das Leben echt erleichtern könnte. Aber dann wurde mir klar: Meinen Glauben kann ich genauso als Rüstung tragen wie mein Nerdsein. Ich mach kein Geheimnis daraus. Ich bin Nerd und Christ und nichts, was die Leute dagegen sagen, kann mich verletzen!
Lisa Fischer, Abiturientin und Gemeindeglied

Wer Game of Thrones Fan ist und nach mehr theologischen Einsichten sucht, die diese Serie eröffnen kann, sollte einmal hier stöbern:
https://pastor.digital/category/andachten/
Dort schreibt Micha Steinbrück, Pastor der Ev.-luth. Landeskirche Hannover nerdige Andachten, viele davon zu GoT.
Bei der the_nerdchurch am 21.6. wird er zu Gast sein. Stay tuned.