bookmark_borderRichtig gute Geschichten III

In einer Parallelwelt, in der Literatur so wichtig genommen wird, dass es eine Spezialpolizei gibt, um sie vor Fälschern zu schützen, muss die Geheimagentin Thursday Next die Gouvernante Jane Eyre aus dem berühmten gleichnamigen Roman von Charlotte Brontë vor einem Bösewicht retten. Als Mitglied der „Jurisfiktion“ stellt Thursday sicher, dass die Handlungsabläufe von Geschichten unverändert bleiben und die Figuren ihre Rollen spielen. Thursday hat die besondere Fähigkeit, durch lautes Vorlesen in die fiktive Welt eintreten zu können.
Im Laufe der skurrilen Serie bekommen wir viele bekannte Romane und Geschichten quasi von innen zu sehen. Thursday liest sich in verschiedene Bücher hinein, um dort zu ermitteln und nimmt dabei die Leser mit auf eine spannende Reise.
Vom meist gedruckten Buch unserer Welt lässt der Autor Jasper Fforde die Finger, kein biblisches Buch wird in seiner Romanserie betreten. Ich frage mich natürlich dennoch, wie es wohl wäre, könnte ich so in ein Buch der Bibel gelangen, es quasi mit eigenen Augen erleben.
Ich würde gerne einmal in eines dieser biblischen Bücher hineinschlüpfen. Bei diesem Gedanken habe ich die Abbildung eines Bücherregales vor Augen, die wir im Konfi-Unterricht benutzen, um deutlich zu machen, dass wir die Bibel zwar heute als ein einziges Buch in Händen halten, als Sammelband quasi aller relevanten Geschichten über Gott und seine Beziehung zu uns Menschen, dass sie aber aus vielen einzelnen Büchern besteht.

Für welches Buch würde ich mich entscheiden?

Direkt für das allererste, zusehen, wie Gott die Schöpfung herbei liebt und zum Leben erweckt?

Vielleicht würde ich gerne David und seine wilden Männer erleben, in den Zeiten, da sie in den Bergen Israels umherstreifen.

Oder Amos, wie er den Reichen mit feurigen Worten ins Gewissen redet.

Oder ist es das Neue Testament, das ich vielleicht viel besser verstehen könnte, wenn ich einmal durch die Augen einer der Evangelisten dabei sein könnte, wie Jesus predigt und Wunder tut.

Mit den Frauen zum Grab gehen …

Eine Zeitreise wäre das nicht, immer ist es die Sicht des Autors, die Thursday beim Betreten von Büchern erlebt. Aber es würde mir doch die Gedanken und die Überzeugungen der Autoren der Bibel so viel näher bringen. Vielleicht würde ich ihren Glauben besser verstehen und dabei meine Glaubensüberzeugungen überprüfen und vertiefen können.

In welches biblische Buch würdet ihr gerne einsteigen? Und warum gerade dieses?

bookmark_borderZerrissenheit

(Kann Spuren von Protestantismus enthalten)

Denn wie der Leib einer ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt. 1. Kor 12

Wir alle kennen den Text, vermute ich.

Ein Leib, viele Glieder. Heute besteht die Kirche aus Menschen, die ganz unterschiedlichen Traditionen entstammen, mit unterschiedlichen Ausbildungen in ebenso unterschiedlichen Betätigungsfeldern engagiert sind.
Und auch ich stehe mitten in Kirche und Gesellschaft. Und immer wieder merke ich, dass meine Toleranz, mein Verständnis von Zusammengehörigkeit und dem, was nun mal zu dieser Zusammengehörigkeit gehört, auf eine harte Probe gestellt wird.
Meine letzte Zerreißprobe war der 9.11. An diesem Tag mobbten sich wieder die Rechten durch Bielefeld. Ganz ehrlich: Ich lebe hier, ich will das nicht. Ich will auch die nicht. Ich will nicht, dass dieses braune Gedankengut in meiner Stadt sichtbar ist. Ich will nicht, dass die Innenstadt für diese Art der Demonstration abgesperrt wird.

Kann das nicht verboten werden?

Ich will eine offene Gesellschaft, die jeden toleriert. Ich will eine Gesellschaft, die jeden einlädt und willkommen heißt. Ich setze mich für ein friedliches Miteinander in unserer Gesellschaft ein.
Eine Gesellschaft, die jeden toleriert … Also auch die? Die da durch unsere Straßen toben und ihren ewig gestrigen Gedankenmüll verbreiten. Ja, auch die. So sehr es mich zerreißt: Wenn ich eine Gesellschaft will, die alle willkommen heißt, dann kann und darf ich nicht entscheiden, wer zu „allen“ dazugehört.
In dieser Frage zerreißt es mich. Muss ich das wirklich so denken? Kann ich mir nicht im Hinblick auf „Rechtsaussen“ Intoleranz zulegen? Was würde aus mir werden, wenn ich diese Intoleranz zuließe?
(Daß eine Grenze aller Toleranz bei Forderung nach Gewalt und Verbrechen gegen die Menschlichkeit erreicht ist, steht außer Frage. Hier geht es um die, die mitlaufen, weil sie sich eine geordnetere, „sicherere“ Welt wünschen.)
Diese tolerante Haltung und die daraus sich ergebenden Entscheidungen fallen schwer.
Im Star Wars-Epos muss Luke Skywalker seine Entscheidung treffen: Er tötet seinen Vater am Ende eben nicht, um nicht seinen Platz auf der dunklen Seite einzunehmen.
Die gesamte Gesellschaft des Rings im Herrn der Ringe wird gespalten durch die Frage, ob der Ring nicht auch dem Guten dienen kann. Frodo trifft auch am Ende eine Entscheidung: Er will den Ring nicht zerstören, wendet sich ab von der Seite des „Guten“. Und bekommt durch Gollum einen Rivalen, der ihm die Konsequenz dieser Entscheidung und den Ring abnimmt.


Und wie stehe ich in der Kirche da? Wenn es um meinen Glauben und die Frage geht, wie ich ihn auslebe?
Auch da kenne ich diese Zerrissenheit. „Ist das noch evangelisch?“, frage ich mich da zuweilen. Wenn ein fliegender Pfarrer geweihtes Wasser vertreibt, oder ein Mähdrescher Bonnke durch Westafrika tourt, wenn in Nordirland nun rund um den Brexit die Protestanten und die Katholiken lang verscharrte Kriegsbeile ausgraben … das ist einfach nicht meins. Da kann ich nicht mitgehen. Und da bin ich versucht, nicht nur mich, sondern auch meinen Glauben abzugrenzen. Das ist in meinen Augen nicht mehr das, was ich unter „evangelisch“ verstehe. Manchmal sogar unter „christlich“.
Ich kann verstehen, wenn auch meine Art für Menschen zuweilen nicht mehr in das passt, was sie sich für die Kirche und den Glauben wünschen. Ich gehe eher selten in den Sonntagmorgen-Gottesdienst. Ich kann mich in dieser Veranstaltung häufig nicht wiederfinden. Ich bin extrem offen, wenn es darum geht, wer welche Andacht hält. Ich bin kirchlichen Traditionen gegenüber eher kritisch und frage danach, welchen Sinn sie im Leben der Menschen im Jahr 2020 haben. Ich befolge keine christlichen Regeln, deren Sinn ich nicht verstehe, nur um der Regel willen. Ich frage nach dem Sinn, nach dem Grund und will es verstehen, nicht einfach nur glauben.
Paulus hatte genau diese Momente im Blick. Die Zerrissenheit, die zuweilen quer durch die Menschen, aber auch durch die Gemeinden ging. Und da trifft mich sein Text ins Mark. Wer bin ich denn, zu entscheiden, was dazugehört, und was nicht? Pfarrer, die so predigen als hätten wir 1614 und Luther wäre eben noch durch die Kirche gelaufen, Theologen, die ihre Wissenschaftlichkeit durch Zitate in Hebräisch in ihre Texte einfließen lassen, Andachten, in denen Gott nur noch am Rand oder gar nicht mehr vorkommt.
Wer bin ich, dass ich urteile? Und doch, zuweilen zerreißt es mich. Und dann muss ich mir die gleiche Frage stellen, wie bei den Nazis: Was würde aus mir werden, wenn ich diese Intoleranz zuließe?

Vielleicht geht es der einen oder dem anderen von euch ja genauso.

Nun komme ich auf meine Kirche zurück:
Wir evangelische Christen sind alle sehr unterschiedlich. Ganz ehrlich, mein Ziel wäre nicht der berühmte Filmdialog:

Brian: „Ihr seid alle Individuen!“
Volk im Chor: „Ja, wir sind alle Individuen!“
Brian: „Und ihr seid alle völlig verschieden!“
Volk im Chor: „Ja, wir sind alle völlig verschieden!“
Einer: „Ich nicht!“

Wir sind unterschiedlich und diese Unterschiedlichkeit kann zwei Seiten haben:
Sie kann unsere Schwäche sein: „Evangelisch– was ist das schon? Stellen Sie da doch mal eine Frage und Sie bekommen drei Antworten.“ Da wir ohne Papst leben dürfen, der uns sagt, was richtig und falsch ist, sind wir in der Tat recht verschieden. Eine einheitliche Außendarstellung gibt es bei uns nicht. Das ist für die tolle Arbeit, die wir leisten, zuweilen schlecht.
Und wenn wir uns gegenseitig dadurch definieren, dass wir eben nicht die anderen sind. Ja die, die da in der Landeskirche, die sind ja so … Und wenn ich an die da, bei den Freikirchen denke, dann … Schnell machen wir einander gegenseitig und uns selbst ob unserer Unterschiedlichkeit das Leben schwer.
Die Jugendlichen wissen ja gar nicht mehr was …, wenn ich schon diese alten Lieder …, was soll denn das mit Glauben zu tun … Wir sind gerne bereit, in unsere Unterschiedlichkeit auch noch Grenzen zu ziehen, mit Stacheldraht und Mauer.

Unterschiedlichkeit kann aber auch eine Stärke sein:

Ja, wir sind unterschiedlich, genauso wie die Menschen, mit denen wir leben und arbeiten. Stellt euch doch mal vor, wir würden alle das Gleiche tun. Was würde aus den Menschen werden, die dann an diesem einen Angebot nicht andocken können. Das Leben, die Menschen, unsere Gesellschaft braucht nicht eine christliche Arbeitsweise sondern viele. Immer da, wo Gott uns hinstellt.
Weil die Ringgemeinschaft aus so unterschiedlichen Leuten bestand, hat es zum Schluss einer geschafft das Richtige zu erreichen, auch weil er es eben nicht selber getan hat.
Und auch was unseren Glauben angeht: Es gibt nicht die richtige Antwort darauf, wie korrekt zu glauben ist. Zumindest habe ich sie noch nicht gefunden. Was genau Glaube heißt, wie jeder und jede von uns seine und ihre Beziehung zu Gott pflegt, das ist so individuell wie wir nun mal sind. Wir sind viele und das ist ein Vorteil.
Meine feste Überzeugung ist, dass Gott uns in diese Welt gestellt hat, mit unterschiedlichen Gaben und Fähigkeiten. Dass er einen Platz für uns hat in seinem Werk. Wer bin ich, das beurteilen zu wollen?
Ich wünsche mir für uns und unser Engagement für unseren Glauben eine Überzeugung:

Wir arbeiten in Anerkennung der anderen. Wir sind alle anders, genauso wie das Leben.
Wir arbeiten in Respekt vor der Arbeit der anderen. Christliche Arbeit mit Menschen ist anders, genauso wie die Menschen, mit denen wir arbeiten.
Und ich bin mir aber leider genauso sicher, eine solche Überzeugung bleibt nicht unangefochten und ist keine leichte, sondern wir müssen immer wieder um sie ringen und uns das bewusst machen, was Paulus uns sagt: Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ein Glied.

Malte Hausmann

bookmark_borderLuke, nutze die Macht!

„Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9, 24)
Ich gebe es unumwunden zu, die „echten“ Starwars-Filme sind für mich die Episoden 4, 5 und 6. Alles andere ist nette Dreingabe oder ärgerliche Zeitverschwendung aus meiner Sicht. Denke ich an Starwars, dann denke ich an einen jungen Luke, Lea, Han, einen alten Obi-Wan und einen greisen Yoda.

An den jungen Luke Skywalker erinnert mich die Jahreslosung 2020:
„Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9, 24)

Ich habe Luke vor Augen, wie er angestrengt, zuerst unter Obi-Wans und dann unter Yodas Anleitung, die Macht der Jedi zu nutzen versucht. Seine Lehrmeister erklären ihm, dass er sich darauf einlassen muss. Yoda sagt ihm: „Tue es, oder tue es nicht. Es gibt kein Versuchen.“ (E5)
Ich fühle mit Luke, eigentlich möchte ich glauben, felsenfest, von ganzem Herzen.
Ich bewundere die alten Frauen in meinem Gebetskreis dafür, wie sie ein Leben lang an Gott festgehalten haben in scheinbar unerschütterlichem Glauben. Sie kommen mir vor wie Obi-Wan und Yoda, deren Fähigkeiten für mich unerreichbar zu sein scheinen. Aber in Gesprächen berichten auch sie von Krisen, von Fragen von Verzagen.
„Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“
Jede von uns hat das so oder anders formuliert vermutlich schon zu Gott gesagt.
Und wenn ich dann mal in die ungeliebten Episoden 1-3 schiele, sehe ich, dass auch der Regisseur George Lucas sich die beiden Jedi-Meister Obi-Wan und Yoda mit einer Geschichte von Krisen und Unsicherheiten vorgestellt hat.
Sören Kierkegaard hat überlegt, dass Glauben wie ein Abspringen ist, mit der Hoffnung auch richtig aufgefangen zu werden. Er spricht vom „Sprung in den Glauben“.
„Tue es, oder tue es nicht. Es gibt kein Versuchen.“
Entweder man springt, oder man bleibt stehen. Aber während man springt, ist man in völliger Unsicherheit, da kann man nur hoffen und trauen, dass man auch wirklich aufgefangen wird. Und wieder habe ich Luke vor Augen, der mit verbundenen Augen versucht, ein bewegliches Ziel zu treffen und scheitert. Aber ich sehe auch Luke, der ohne Targeting-Computer in den Todesstern fliegt und sein Ziel trifft.
„Luke, nutze die Macht!“ – „Spring!“
Auf unsere menschlichen Sinne können wir uns nicht verlassen beim Glauben, da hilft nur Vertrauen auf Gott und es hilft die Gemeinschaft mit Menschen, die selbst schon die eine oder andere Glaubenskrise gemeistert haben und so für uns zu Lehrmeistern und Lehrmeisterinnen des Glaubens werden.
Und irgendwann – und jetzt schiele ich in die für mich ganz unterhaltsamen neuen Disney-Episoden – wenn wir selber ein paar Krisen gemeistert haben, dann sind wir auch mal dran, einem jungen Padawan weiterzuhelfen auf dem Weg des Glaubens.
„Herr, ich bitte Dich, gib mir immer wieder den Mut zu springen und darauf zu vertrauen, dass, egal wo ich lande, ich in Deiner Hand bin. Amen“

NL

bookmark_borderWinter is coming … Gott ist groß!

Gott ist groß – AMEN!
Gott ist groß – was heißt das. „Allahu akbar“ heißt im Arabischen „Gott ist groß.“ Und….?
Ich bin unlängst über diese Worte in einem evangelischen Text gestolpert und kam darüber ins Nachdenken. Welche Aussage treffe ich mit diesen Worten und welche Bedeutung haben sie für mich?


Die Adelshäuser in Westeros haben alle ihre Worte. Sie grenzen sich damit gegen die anderen Häuser ab und beanspruchen von den Mitgliedern ihres Hauses und ihren Feinden Respekt.
„Wir säen nicht.“ – Haus Graufreund. Die Menschen der Eiseninseln, die von und mit dem Meer leben, sagen diese Worte. Und sie rechtfertigen damit ebenso ihre Lebensweise, auch wenn sie auf Raubzug gehen.
Die Lennisters im Zeichen des Löwen haben die Worte „Hör mich brüllen.“ gewählt und beanspruchen als großes Haus damit die Herrschaft über andere.
Das Haus Tagaryen, das Haus der Könige, spricht mit „Feuer und Blut“ von sich. Sie, die über die Drachen herrschen, tragen angeblich das wahre königliche Blut.
Und last but not least „Der Winter naht“, das Haus Stark. Als Wächter im Norden und an der Grenze soll dieser Spruch Mahnung zur Wachsamkeit und Warnung vor den Feinden sein.
Die Worte dienen als Warnung, als Abschreckung und als Sinnspruch für die Mitglieder eines Hauses. Auf sie wird Bezug genommen um das eigene Verhalten zu rechtfertigen, sei es auch noch so feindselig, menschenverachtend und selbstherrlich.
Ist „Gott ist groß“ der Sinnspruch des religiösen Adelshauses? Oder der Christen? Oder der Muslime?
Was sagt das aus, dieses „Gott ist groß“?
„groß“ ist ein Adjektiv, also ein Eigenschaftswort. „groß“ ist in diesem Fall die Eigenschaft Gottes. Aussagen darüber „Wie Gott ist“ finde ich immer schwierig.
„groß“ ist zudem nichts absolutes, auch wenn es so verstanden wird. „groß“, was bedeutet das? Ist ein Riese groß? Im Vergleich zu einem Zwerg, ja. Im Vergleich zu einem Drachen eher nein. „groß“ bedarf der Einordnung. Im Verhältnis zu wem oder was  ordnen wir Gott ein? Zu anderen Göttern? Zu uns Menschen?
Und was sagen diese Worte über mich, meine Beziehung zu Gott aus? Gott ist groß – ich bin klein, diese Worte sind schmutzig – ist das nicht putzig – Poesiealbumssprüche? Was sagt es darüber aus, wer ich bin? Was sagt es über mein Leben aus? – Wenig, finde ich.
Ich halte persönlich nicht viel von Sinnsprüchen oder leeren Phrasen, die um ihrer selbst willen Gültigkeit beanspruchen. Ich brülle keine Parolen, die ich nicht verstehe. Ich wiederhole nicht Worte, deren Sinn ich nicht kenne, auch wenn sie viele tausend Jahre alt sind. Entweder sie haben für mich und mein Leben Relevanz, oder eben nicht. Darum lerne ich auch die Bibel nicht auswendig und schmeiße nicht bei jeder (un)passenden Gelegenheit einen Bibelvers in die Runde.
Als Christen tun wir, so meine ich, gut daran, keine Worte für unser Haus zu suchen. Wollen wir wirklich unsere gesamte Religion, unsere Verschiedenheit, unsere Pluralität in drei oder vier Wörtern zusammenfassen? Und dann, in welcher Sprache und welchem Kontext?
Aber auch ich habe so einen Sinnspruch, meine persönlichen Worte. Ich brülle sie nicht heraus, ich beanspruche mit ihnen keine absolute Wahrheit, sondern nur meine Wahrheit.
Mit meinen Worten bin ich aufgewachsen und sie spielen in meinem Leben eine Rolle. Sie gehören erst einmal nur mir. Kein Mensch kann sie angreifen, denn sie entziehen sich dem Einfluss anderer Menschen. Was andere Menschen tun und glauben, hat auf diese meine Worte wenig Einfluss.
Ganz klein und bescheiden sind meine Worte, manchmal finde ich sie fast unbedeutend und ein wenig zerbrechlich.
Sie lauten „Gott liebt mich.“
Ich baue auf dieser Einstellung keine Weltreligion auf, ich beanspruche nicht von anderen Menschen, dass sie diese Worte ebenso nachsprechen und für sich akzeptieren. Liebe will nicht, Liebe ist.
Ich hoffe ihr habt auch eure Worte, die ihr versteht, die zusammenfassen was euch mit Gott verbindet. Und wenn nicht, dann sucht danach. Sucht für euch in Gesprächen und im Gebet. Aber lasst euch von niemandem sagen, wie sie zu lauten haben. Ihr findet sie nur in euch selbst, ganz tief im Herzen.
Amen

Malte Hausmann

bookmark_borderVorfreude und Advent

Habt ihr im Advent mal dieses wohlige Gefühl (gehabt)? Vorfreude auf das Fest?
Ein Text, den ich vor Kurzem gelesen habe, berichtete von der Beobachtung, dass gerade diese Vorfreude im Verhalten unserer Gesellschaft verloren geht und man diese aktiv wieder ins Leben holen müsse. Die instant gratification der sozialen Netzwerke ist in den Vordergrund gerückt. Ich warte also nicht wie früher darauf, dass etwas geschieht, sondern bin so damit beschäftigt, Aufmerksamkeit zu erhaschen, das nächste Foto zu machen und zu posten, dass ich für Vorbereitung und Vorfreude keine Zeit mehr habe. Ruhelosigkeit wird darin kritisiert, das Nicht-Erwarten-Können.
Ich weiß nicht, ob es euch genauso geht, aber ich sehe das für mich anders. Ich sehe nämlich gerade, dass Nerdculture es schafft, immer wieder neue Momente der Vorfreude bei mir zu schaffen. Wenn die ersten Hints für die neue Dr. Who-Staffel bekanntgegeben werden. Wenn ich den Diablo 4 Teaser sehe und weiß, das dauert bei Blizzard noch Jahre, bis ich das spielen kann. Am schlimmsten ist es bei mir, wenn ich meinen nächsten Rollenspiel-Stream terminiert habe und die ganze Zeit die Gedanken in meinem Kopf umherschwirren. Bis es wirklich passiert, weiß ich ja nicht, was mir begegnet. Das weckt unglaubliche Vorfreude. Unruhe in den Beinen und im Kopf.
Den gleichen Effekt ruft ansonsten nur die Mitarbeit in der Kirche in mir hervor. Ich habe mich tagelang auf den Ausflug mit meiner Konfigruppe auf den Weihnachtsmarkt gefreut. Ich hatte nämlich vor, sie mit der vorbereiteten Aufgabe, Leute zu segnen, in der Innenstadt umherzuschicken. Ich war gespannt, ob und wie das funktionieren würde. Wie die Konfis ob der Aufgabe erst einmal schauen würden wie ein Pferd. Und was sie damit dann wohl für Erfahrungen machen. Es erreichte die erwartete Wirkung: eine Menge unterschiedliche Erfahrungen, von denen die Konfis berichten konnten.
Ich glaube, das ist es, was bei mir Vorfreude weckt: Das Warten auf die nächste Erfahrung. Die Neugier, was passieren wird. Und genau das bekomme ich eben in zwei Kontexten: in der Gemeinde und in der Nerd Culture.

Felix Klemme, Pfarrer in einer Einzelpfarrstelle in einem Vorort von Paderborn, ist 33 Jahre alt und begeistert von Science Fiction in jeglichen Formen, sowie dem Pen and Paper-Rollenspiel Das Schwarze Auge (DSA). Er streamt auf seinem YouTube-Kanal (PoelleRPG) gerade die größte Kampagne dieses Rollenspiels und liebt es, Geschichten mitzuerleben und zu erzählen.

bookmark_borderEs kommt ein (Raum-)Schiff gela-ha-a-den …

„Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig.“ | Jes 40,3.10

Sie brauchen dringend einen Helden, die Thermianer. Lange schon verfolgen sie die Fernsehausstrahlungen von „historischen Dokumenten“ über das Raumschiff Protector und seine Crew, die vom Planeten Erde stammen.
Dass es sich gar nicht um „echte“ Helden, sondern um Schauspieler in einer Science-Fiction-Serie handelt, ist ihnen dabei nicht klar.
Galaxy Quest ist ein großartiger Film, der mich immer wieder fröhlich stimmt, perfekt für die Weihnachtsliste der NERD-Frau. Wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte hier aufhören zu lesen und das erst mal erledigen.

Wer genau eigentlich das Zeug zum Helden hat, das kann niemand so recht bestimmen. Von außen betrachtet mag die christliche Erwartung, dass ein gekreuzigter, vor ca. 2000 Jahren verstorbener Zimmermann irgendwann wiederkommen und die Welt retten wird, eigentümlich wirken. Wer dazugehört erwartet genau das, wie auch immer es dann vonstatten gehen wird, die historischen Dokumente sind sehr interpretierbar. Stay tuned.

Auch die Thermianer überraschen mit der Wahl ihrer Helden. Aber es stellt sich heraus, dass sie die Lage gar nicht so falsch eingeschätzt haben, die, die sie sich zur Hilfe holen, liefern dann doch eine ganz überzeugende Performance ab.
Nun ist Galaxy Quest eine Parodie und Komödie, aber die hochkarätige Besetzung weist schon darauf hin, dass es sich keineswegs um einen B-Movie handelt. Da gibt es so Einiges zu entdecken, was zum Nachdenken und Andachtschreiben anzuregen vermag.
Für heute, weil es Advent ist und weil der Wochenspruch mich drauf gebracht hat, möchte ich nur eines besonders betonen: Die Thermianer setzen sich nicht auf ihre Hände und hoffen, dass ein (Raum-)Schiff kommen wird, geladen mit Rettern und Helden, dereinst, wenn es die Crew der Protector mal in die Gegend verschlägt. Stattdessen bauen sie selbst ein Raumschiff, entwickeln Technik und reisen ihren Helden entgegen um sie abzuholen. Sie rollen ihnen quasi den roten Teppich aus. Sie lassen nicht locker darin, ihre Retter zu sich zu holen. Sie bereiten ihnen einen Weg.

„Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig.“

bookmark_borderDas Licht der Welt

„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Die letzte Frage, auf der alles gründet, scheint doch zu sein: War Jesus‘ entscheidende Tat sein Sieg über meine Sünde am Kreuz oder war es die Gründung der Kirche als Vollzugsbehörde? Da ich eher Fan der Avengers bin als des deutschen Finanzamts, bin ich halt Protestant.

Am Ende stirbt Tony Stark. Er opfert sich für die eine Hälfte allen Lebens, die durch den Infinity Stone ausgelöscht wurde.

Am Ende ist es ein Einzelner, der für die Vielen in die Bresche springt.

Am Ende sind es nicht die Avengers oder sogar S.H.I.E.L.D, die die Wendung bringen. Klar, beide Gruppen sind beteiligt, die Avengers tragen ihren Teil dazu bei.

Aber am Ende steht und fällt es mit Iron Man.

Und es war eben nicht der Aufbau einer Schutzorganisation durch ihn und es waren auch nicht seine brillanten Verwaltungsfähigkeiten, die entscheidend waren. Es war zum Letzten nichts weiter als seine Liebe zu den Lebenden und sein Mut (und ein kleines bisschen Größenwahn). Dieser letzte Punkt des gesamten Avengers-Epos ist der Entscheidende. Darauf läuft es zu.

Sicherlich: Iron Man ist kein Jesus Christus. Er ist nicht mal ein Gott oder ein außerirdischer Superheld, ist nur ein, technisch aufgemotzter, Mensch.

Sicherlich: Marvel ist keine Religion und schon erst recht nicht „christlich“. (Doch was ist das überhaupt und was ist es nicht?)

Und sicherlich: Der Vergleich ist weit hergeholt. Und mindestens schief.

Aber trotzdem (und hier stimmt dann der Vergleich doch): Wenn man das Leben und das Werk Jesu auf einen Punkt bringen will, wenn nur eines bleiben muss, dann doch: Am Kreuz besiegt er meine Sünde. Dort stirbt er für mich. Für mich und für alle Menschen. Alles Weitere ist wichtig, aber eben nur soweit als das stimmt. Und sicherlich: Den Avengers sollte man nicht nachfolgen. Aber lernen kann man von ihnen schon: Das Entscheidende ist manchmal ziemlich klar. Ziemlich einfach. Auch wenn es das Schwerste ist.

„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Niklas Schleicher (@megadakka) ist Vikar der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Gemeinsam mit anderen hat er das Netzwerk für Theologie in der Kirche (http://netzwerktheologie.wordpress.com) ins Leben gerufen. In seiner Freizeit schaut und liest er zu viel Sciene-Fiction.

bookmark_borderVon LARP-Klamotten und Krippenspelkostümen

Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Epheser 4,24


Jedes Jahr wieder stehen wir vor der Herausforderung, die immer gleiche Geschichte von der
Geburt Jesu mit Maria, Joseph, den Hirten, den Engeln, Schafen und gerne auch Ochs, Esel und
Herbergsvater, manchmal sogar Herodes, komplett mit drei Königen und Hofstaat in den Chorraum
unserer Kirche zu bringen. In unserer Gemeinde haben wir natürlich einen großen Vorteil. Ein gut
gefüllter LARP-Fundus liegt auf dem Dachboden des Gemeindehauses bereit. Was die Ausstattung
angeht, können wir gefühlt mit Oberammergau mithalten. Die Darsteller sind nicht immer so
ambitioniert. Teils Konfis, teils Ehrenamtliche aus der Jugendarbeit, fällt ihre Begeisterung für die
darstellende Kunst sehr unterschiedlich aus.
Wenn wir mit den Proben beginnen, heißt es erst einmal sortieren. Wer ist wer? Die Darstellerin der
Maria muss sich daran gewöhnen mit „ihrem Joseph“ zu reden, die Engel, die eigentlich Teenager
sind und sich kaum zurückhalten können, im Minuten-Takt ihre Messages auf dem Handy zu
checken, sollen sich in engelsgleichem Verhalten üben, und die Hirten diskutieren, welcher von
ihnen der mit dem langen Text sein soll.
Wenn ich es nicht alle Jahre wieder erlebt hätte, dass selbst die wuseligste und verwirrteste Truppe
von Laiendarstellern es am Ende schafft, lebendige Verkündigung hinzukriegen, wenn sie genug
geprobt haben und das Stück sich endlich zusammensetzt, wäre dies der Moment, das wahnwitzige
Unterfangen abzubrechen.
Die große Veränderung tritt meist ein, wenn wir zum ersten Mal mit Kostümen proben. Ein langes
Kleid, über das man nicht stolpern möchte, lässt den Schritt gemessener werden. Ein Engelsgewand
hat keine Taschen für das Handy. Eine Krone auf dem Kopf zwingt zu aufrechter Haltung. Mit dem
Gewand kommt das Gefühl für die Figur, die dargestellt wird.
Egal ob Liverollenspiel oder Krippenspiel: Kleider machen Leute. Ob Arbeitskleidung, Festgewand
oder Pfadfinderkluft, Kleidung macht etwas mit demjenigen, der sie trägt, und gibt eine Botschaft
weiter an den Betrachter. Ob diese immer so recht verstanden wird, steht auf einem anderen Blatt.
Im Epheserbrief werden wir aufgefordert: „Zieht den neuen Menschen an!“
Als Christ – mit der Taufe – bekommt man also neues Outfit.
Ein Outfit, das uns zu einem neuen Menschen machen soll.
Ein Outfit, das auch im Alltag funktioniert.
Aus Erfahrungen mit Verkleidungen, Kostümen und Gewandungen weiß ich, dass es da große
Qualitätsunterschiede gibt. Verkleide ich mich nur mit einem einfachen nicht alltagstauglichen
Kleidungsstück wie etwa einem Karnevalskostüm, werde ich durch rutschende Schultern, kneifende
Nähte und Rocksäume, über die man stolpert, behindert. Wärmen wird es mich auch nicht, wenn es
aus billiger, synthetischer Faser gefertigt ist. Dann werde ich dauernd daran erinnert, dass ich
ungewohnte, seltsame, untaugliche Kleidung trage.
Theaterkostüme sind so geschneidert, dass sie für zwei oder drei Stunden auf der Bühne etwas
hermachen und schnell an- und ausgezogen werden können. Den Betrachter vermögen sie vielleicht
zu überzeugen. Alltagstauglich sind solche Bühnenkostüme nicht. Eine richtige Verwandlung geht
erst vor, wenn ein Gewand auch zu mir passt. LARPer nähen darum oft selbst oder stellen die
Einzelteile ihrer Gewandung sehr sorgsam zusammen. Kleidung, in der ich ein ganzes Wochenende
oder sogar länger herumlaufe, darf keine Verkleidung sein. Material und Schnitt müssen stimmen,
meist sind mehrere Lagen übereinander zu bedenken.
In meinen LARP-Klamotten fühle ich mich zu Hause und schlüpfe schon beim Anziehen in die Person, die ich nun sein werde.
„Zieht den neuen Menschen an!“, werden wir aufgefordert. Und das kann auf Dauer nur
funktionieren, wenn dieser „neue Mensch“ auch passt. Das gelingt nur, wenn wir ihn uns nicht von
anderen überstülpen lassen und ihn nicht nur ab und zu mal für einen Gottesdienst hervorkramen,
sondern er für uns zum Alltagskleid wird. Wir können daran arbeiten, dass der „neue Mensch“, der
Christ/die Christin, uns auch im Alltag passt.
Ein Krippenspielkostüm könnte ich auch am 23. Dezember noch vom Dachboden holen, aber besser
ist es, wenn sich die Darsteller von Maria, Joseph und den Engeln an die ungewohnte Bekleidung
schon ein paar Proben länger gewöhnen durften.
Das Christsein sollte ein Outfit sein, das auch nach außen hin wahrnehmbar sein kann und das
innerlich etwas mit uns macht. Das möchte ich nicht nur für den Weihnachtsgottesdienst
überziehen. So, wie ich an meinen LARP-Klamotten immer wieder arbeite und sie verbessere und
erweitere, so will ich erst recht daran arbeiten, dass der neue Mensch gut sitzt und in allen
Lebenslagen tauglich ist.

bookmark_borderWaffen, Rüstungen, Schilde, Helme …

Eph 6,10-17
„Nehmt Glaubwürdigkeit als Gürtel, Gerechtigkeit als Rüstung, die Bereitschaft zu Friedfertigkeit nach dem Evangelium als Schuhwerk. Dazu nehmt den Glauben als Schild, mit dem ihr die Brandpfeile des Bösen ersticken könnt. Setzt die Erlösung als Helm auf, ergreift den Heiligen Geist, das Wort Gottes, als Schwert.“

Waffen, Rüstungen, Schilde, Helme …
Jeder Sciencefiction oder Fantasy Fan wird da hellhörig
Abenteuer – Kampf der Guten gegen die Bösen …
Und ja, im Spiel, im Film, im Roman finde ich das echt coool.
Da weiß ich aber auch, dass es am Ende gut ausgeht. Am Ende eines jeden anständigen Abenteuer-Epos, wenn Heldin oder Held fast aber nur fast gestorben ist, gewinnen schließlich die Guten gegen die Bösen, Held und Heldin „kriegen einander“ und die Welt ist gerettet.
Ich war nie im Krieg, habe nie eine reale Schlacht geschlagen, bin bisher -Gott Lob- von körperlicher Bedrohung weitestgehend verschont geblieben. Aber meine Kenntnisse und Erfahrungen aus Liverollenspiel, PC-Games und Geschichten reichen schon vollkommen aus um zu wissen, dass ich das ohnehin niemals real erleben möchte.
Heldentum macht mir nur in der Fantasie Spaß.
Paulus bietet uns an, diese martialischen Bilder anders zu besetzen. Er will uns nicht in den körperlichen Krieg schicken.
Nehmen wir die Bildebene weg und schauen auf das, wofür diese Bilder stehen, so bleiben übrig: Wahrheit, Gerechtigkeit, das Evangelium des Friedens, Glauben, Rettung und Heil, Geist und Wort Gottes. Jeder dieser Begriffe beschreibt einen zentralen Aspekt der Beziehung zwischen Gott und den Menschen.
Das ist absolut alltagstauglich.
Paulus macht Wort-Schwerter zu Wort-Pflugscharen.
Auf Gewalt nicht mit noch mehr Gewalt zu reagieren (ob physisch oder verbal) erfordert Mut, den Heldenmut des Alltags, sozusagen.

Natascha Luther